Wir lesen davon, daß 1393 Kilometer Radfahrt übers Mittelgebirge auch strapaziös sind

Jenes innerberlinische Bauwerk, das in der DDR offiziell der antifaschistische Schutzwall heißt und beim Rest der Welt die Mauer, es wurde im August 1986 fünfundzwanzig Jahre alt. Damit war das Thema deutsch-deutsche Grenze, wieder einmal, im öffentlichen Gespräch. Die Zeitungen druckten Kommentare; das Fernsehen, kann ich mich erinnern, filmte überwiegend per Luftaufnahme die Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik im Norden, in der Mitte, im Süden.

Nicht mit dem Hubschrauber, sondern auf einem Fahrrad hat aus dem ebengleichen Anlaß ein Bildjournalist die gleiche Strecke hinter sich gebracht:

  • Rolf Nobel: Mitten durch Deutschland. Reportage einer Grenzfahrt Rasch und Röhring Verlag, Hamburg 1986; 255 S., 34,– DM

Sechs Wochen radelte der Verfasser. Sein Buch ist das Protokoll dieser Reise in Wort und Photo. Er begann im Norden, wo er auch beheimatet ist, er endet folgerichtig im Fränkischen. Der Verfasser, was ihn ehrt, will keine publizistische Munition für den Kalten Krieg liefern. Die Teilung der Nation ist ihm, dem Mann vom Geburtsjahrgang 1950, herzlich gleichgültig. Er ist mit der deutschen Zweistaatlichkeit aufgewachsen und akzeptiert sie als eine fast selbstverständliche politische Gegebenheit. Er mag den Osten nicht, er haßt ihn auch nicht, er ist eigentlich am Osten nicht interessiert und bleibt damit repräsentativ für die Mehrheit seiner Landsleute. Derart fährt er die Grenze nicht ab, um Tränen des Vaterlands zu vergießen, sondern um bundesdeutsche Landschaft zu erforschen, eine abseits der Zentren, abseits der grellen Aufmerksamkeiten gelegene, eine, die sich in oft wunderlichen Erscheinungsformen behauptet.

Die Männer von den DDR-Grenztruppen geraten bloß vereinzelt ins Bild. Ausführlich unterbreitet werden dafür überraschend auffindbare Idyllen ebenso wie Szenen relativer wirtschaftlicher Verelendung. Zähneknirschende deutsch-nationale Borniertheiten werden vorgeführt und politische Eiferer. Es gibt eine häufig unberührte und eine bekanntermaßen beschädigte Natur. Wir erfahren, daß in jenem bundesoffiziell als Zonenrandgebiet bezeichneten Gelände die Uhren durchweg anders gehen; wir lesen ausführlich davon, daß 1393 Kilometer Radfahrt mit einem Streckenverlauf übers Mittelgebirge eine auch strapaziöse Sache sind.

Dies alles hätte eine lehrreiche, vielleicht eine spannende Sache werden können, wäre der Verfasser nicht mit zwei schmerzlichen handicaps ausgestattet. Das erste darf man zugleich dem Verlag anlasten: wohl aus Kostengründen wurde das Format des Buches klein gehalten und das Layout der überwiegend schwarzweißen Aufnahmen so kümmerlich betrieben, daß die Wirkung der häufig aufschlußreichen, auch optisch reizvollen Bildvorlagen verloren geht. Und auch die acht Farbbildseiten können da nichts retten. Der Verfasser war lange genug bei einem bekannten Bilderblatt beschäftigt, er müßte das alles selber wissen.