Lässig lehnt an einem Labortisch der junge, gutaussehende Wissenschaftler Otto Hahn und macht auf einem Schreibblock Notizen. Neben ihm, etwas im Hintergrund, steht die hübsche Physikerin Lise Meitner. Sie wirkt wie eine schüchterne Assistentin, die dem Chemiker Hahn zuarbeitet.

Kopf an Kopf sitzen die grauhaarige Lise Meitner und der vornüber gebeugte Otto Hahn sich an einem Tisch gegenüber, als flüsterten sie sich Vertrauliches zu. Sie wirkt selbstbewußt, ihr Blick fast vorwurfsvoll.

Zwischen diesen beiden Photos liegen 46 Jahre; liegt der Werdegang der Atomphysikerin Lise Meitner, ihre politische Verfolgung – sie war Jüdin – und ihre Zusammenarbeit mit Hahn, die zur Entdeckung der Kernspaltung führte.

Während Hahn weltberühmt wurde, ist Lise Meitners grundlegender Beitrag weitgehend in Vergessenheit geraten. Charlotte Kerner hat nun erstmals in einer Biographie die packende Lebensgeschichte der großen Physikerin beschrieben und mit Photos, Briefen und Dokumenten nachgezeichnet.

Als Lise Meitner Anno 1901 mit dem Physikstudium zu Wien begann, mußte sie mit großen Schwierigkeiten an der Universität rechnen. Offiziell zugelassen waren Frauen zum Studium in Österreich seit 1899 (in Deutschland seit 1908), doch mancher Professor begann erst mit der Vorlesung, wenn die letzte weibliche Studierende den Hörsaal verlassen hatte. „Eine Fakultät ist doch keine Badeanstalt“, lautete der damals oft zitierte Satz eines Institutsleiters, der so die Habilitierung einer weiblichen Wissenschaftlerin abgelehnt hatte.

Lise Meitner läßt sich von frauenfeindlichen Wissenschaftlern ebensowenig beeindrucken wie von tendenzieller Literatur, etwa: „Sind Weiber Menschen“ von Max Funcke oder „Der physiologische Schwachsinn des Weibes“ von Möbius, bis 1922 immerhin in zwölf Auflagen verlegt. Die Physikerin sieht keine Notwendigkeit, sie zu widerlegen. Dafür überzeugt sie mit ihrem Selbstverständnis als Wissenschaftlerin und mit ihrer Zielstrebigkeit.

Sie ist kaum dreißig Jahre alt, als sie am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem anklopft. Der Institutsleiter Max Planck macht eine Ausnahme, aber er stellt Bedingungen: Im Keller erhält sie einen Arbeitsraum, darf sich jedoch in den oberen Institutsräumen nicht blicken lassen. Von Planck stammt der Satz: „Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig.“