Von Robert Leicht

Geschichte ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. Was wir sind und haben, ist Gewordenes. So wächst das vermeintlich Abgeschlossene in unsere Zeit hinein. Im geschärften historischen Bewußtsein zeichnen wir die Entwicklungslinien nach und gleichzeitig schreibt uns das Geschehene vor, auf welcher Grundlage wir unser Handeln zu wählen und zu rechtfertigen haben. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind unzertrennlich ineinander verwoben. Selbst ein noch so entschlossener Abschied von der Vergangenheit könnte nicht anders als auf sie zurückzuverweisen.

So kommt es, daß selbst die protokollarische Vollendung unserer diplomatischen Beziehungen zu Israel, der erste Besuch eines israelischen Staatspräsidenten, zunächst einmal zurückführen mußte in die Erinnerung. Sie verlangt von uns die Vergegenwärtigung der schlimmsten Verbrechen, deren sich die Deutschen je schuldig gemacht haben. Chaim Herzog beim Totengedenken in Bergen-Belsen – dieser ergreifende Trauerakt lehrte uns erneut, daß wir uns von unserer Vergangenheit nur lösen können, wenn wir uns an unsere Geschichte binden.

Jeder Versuch, den Schatten der Vergangenheit anders zu entkommen, läßt sie nur um so deutlicher hervortreten. Als hätten wir erst noch eines Beweises für dieses Paradox bedurft, platzte der Bonner Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit einem Interview mitten in den Auftakt dieses heiklen Besuches: Rüstungslieferungen nach Saudi-Arabien seien "durchaus vernünftig und erwägenswert".

Dieser dreiste Vorstoß läßt sich nicht als Privatmeinung eines schusseligen Ministers abtun, zur Unzeit geäußert. Nein, passend war der Zeitpunkt durchaus: In Wirklichkeit hat nämlich Hans Klein ebenso mutwillig wie unfreiwillig den Grundwiderspruch unserer Politik gegenüber Israel offengelegt: den Versuch, dem besonderen Charakter der Beziehungen gerecht zu werden – und zugleich ganz normale Politik zu betreiben, auch im Nahen Osten, nicht erst seit Helmut Kohl.

Dem unvermittelten Nebeneinander von eindrucksvollen Gesten und peinlichen Pannen werden wir im deutsch-israelischen Verhältnis nicht entrinnen, jedenfalls nicht in einer Zeitspanne, für die unsere Vorstellungskraft ausreicht. Im Oktober 1985 war Richard von Weizsäcker als erster Bundespräsident zum Staatsbesuch in Israel gewesen. Mit seiner großen Rede am 8. Mai 1985 hatte er nicht zuletzt auch für diese Reise in die vergegenwärtigte Vergangenheit den Boden bereitet und durch sein Zeugnis den Gegenbesuch möglich gemacht. Richard von Weizsäcker und Chaim Herzog, die beiden Präsidenten, haben Worte gefunden, die der Geschichte gerecht wurden. "Kein Verzeihen habe ich mit mir gebracht – und kein Vergessen", sagte Chaim Herzog am Montag in Bergen-Belsen. "Unsere Geschichte wäre zu Ende, wenn wir versuchen würden, die Jahre des Schreckens aus unserem Bewußtsein zu tilgen", hatte Richard von Weizsäcker in Jerusalem versichert.

Doch eben in die Zeit zwischen diesen beiden Staatsbesuchen fiel auch das ganz andere, nämlich der Versuch, diese Bindungen der Deutschen an ihre Geschichte zu relativieren. Der "Historiker-Streit" des vergangenen Jahres wäre nicht entflammt ohne dieses Bestreben nach einer "neuen Unbefangenheit", das keineswegs nur in einer gestimmten Ecke aufkommt. Zur Vorgeschichte dieser Geschichtslosigkeit zählten die Peinlichkeiten beim Israel-Besuch sowohl des Bundeskanzlers Kohl als auch einer Delegation der Grünen im Jahr 1984. Dazu zählten der Streit um das Fassbinder-Stück im Jahr 1985, eine Serie von antisemitischen "Unbedachtheiten" im Frühjahr 1986, die quälende Auseinandersetzung um das Bonner Mahnmal – auch die unseligen Kanzler-Vergleiche im vergangenen Herbst. Wir spüren die Fesseln der Geschichte, wenn wir an ihnen rütteln.