Von Ulrich Schiller

Washington, im April

Den Eindruck einer Festung mildern die weißen Marmormauern nur wenig. Meilenweit ist das Kanzleigebäude zu sehen. Der Neubau der sowjetischen Botschaft ist ein Klotz neben dem Filigran der Kathedrale auf einem der höchsten Hügel der Hauptstadt, von dem aus die Richtantennen das Pentagon, das Weiße Haus, das Kapitol, das CIA-Hauptquartier, und was sonst noch von Interesse sein mag, anpeilen können.

Zu spät kommt die Reue über eine Torheit der Nixon-Ära, als die Großmächte mit dem Bau neuer Botschaften in Moskau und in Washington dem Stand ihrer verbesserten Beziehungen Ausdruck geben wollten. Damals wollte man Moskau mit besonders schöner Lage gefällig sein, und die elektronischen Abhörkünste waren – verglichen mit heute – unterentwickelt. Immerhin gelang den Amerikanern 1977 ein Abkommen, das den Sowjets den Einzug in den neuen Bürokomplex erst dann erlaubt, wenn auch die neue US-Botschaft zwischen Moskwa und Tschajkowskij-Straße bezugsfertig ist. Und das kann jetzt lange dauern. Präsident Reagan hat am Dienstag angeordnet, die neue Kanzlei nicht eher zu benutzen, bis sie als garantiert frei von sowjetischen Abhöranlagen gemeldet wird.

Der Abgeordnete Mica, der vom Kongreß eilends auf eine Inspektionstour nach Moskau entsandt worden ist, veranschlagt dafür eben Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. In seinem Wunsch nach klaren Verhältnissen ging Präsident Reagan indessen noch einen Schritt weiter: Außenminister Shultz, der in den nächsten Tagen nach Moskau reist, soll im Kreml auch das facettenreiche Thema Spionage und Gegenspionage in den jeweiligen Botschaften abhandeln. Er soll darüber befinden, ob das neue Botschaftsgebäude überhaupt noch abhörsicher ist oder ob nur noch ein Abriß hilft: 190 Millionen Dollar hat der Bau gekostet und längst war bekannt gewesen, daß die sowjetische Vertragsfirma vorfabrizierte Bauteile bereits außerhalb der Baustelle „verwanzt“ hatte.

Die vorausschauenden KGB-Aktionen im neuen Botschaftsgebäude verursachen um so mehr Unruhe, als die Spionage- und Gegenspionageexperten jetzt an die Abschätzung des Schadens gehen, der durch die jüngste Variante der berühmt-berüchtigten Spionage-Praxis „Sex gegen Geheimnis“ in der alten Moskauer US-Botschaft entstanden ist. Außenministerium, Verteidigungsministerium, das Weiße Haus, die Geheimdienste, der Kongreß und nicht zuletzt das Marine-Korps sind in heller Aufregung. Der größte Verlust an Geheimnissen und Geheimhaltungstechnik in der Geschichte der Vereinigten Staaten wird befürchtet. Wenn dann noch der Sprecher des sowjetischen Außenamtes Gerassimow zynisch zu scherzen versucht: „Wir können nur darüber lächeln, daß 28 standfeste Marines abgezogen werden, weil sie angeblich den Reizen blonder Spioninnen erlagen“, dann brennen in Washington die Sicherungen durch.

Zum Schaden auch noch Spott zu ernten, das ist zu viel für die Amerikaner. Der Abgeordnete Mica hat bereits erklärt, Millionenbeträge seien erforderlich, um die alte Botschaft wieder einigermaßen „sicher“ zu machen. Das Magazin U.S. News and World Report berichtet sogar, 100 Millionen Dollar seien für neue Sicherheitsmaßnahmen und für die Auswechslung des gesamten Codifizierungsgeräts schon bereitgestellt worden.