Der französischen Außenpolitik setzen immer wieder zwei Störenfriede zu: die mächtigen Rüstungsexporteure und die Spionageabwehr DST.

Die jüngste Episode verlief nach einem mittlerweile als klassisch zu bezeichnenden Muster. Ende März ließ die DST einen Spionagering hochgehen; sieben französische Staatsbürger – darunter eine gebürtige Rumänin und eine gebürtige Russin – wurden beschuldigt, geheime Unterlagen über die europäische Ariane-Rakete entwendet zu haben.

Die DST-Spionageabwehr legte das Ergebnis ihrer Ermittlungen dem Außenministerium vor und verlangte die Ausweisung eines halben Dutzends sowjetischer Diplomaten. Der Fall kam Premierminister Jacques Chirac allerdings höchst ungelegen, wird er doch bald in Moskau erwartet. Er, dem kürzlich Ronald Reagan im Weißen Haus einen herzlichen Empfang bereitete, möchte auch im Kreml willkommen sein.

Deshalb wollten die französischen Diplomaten die ärgerliche Spionageaffäre herunterspielen. Doch da griff die DST-Spionageabwehr zu einer altbewährten Methode: Sie steckte ihre Informationen einem Journalisten zu. Anderntags erschien in der Tageszeitung Liberation ein ausführlicher Bericht.

Nun konnte die Regierung nicht umhin, Sanktionen zu verfügen. Um den Kreml zu beschwichtigen, gab das Außenministerium nur drei Ausweisungen bekannt, obwohl sechs Sowjets aufgefordert worden waren, ihre Koffer zu packen.

Dennoch reagierte Moskau äußerst ungehalten auf die „Provokation“. Entgegen der diplomatischen Usance wurde der französische Botschafter in Moskau im voraus darüber unterrichtet, daß zur Vergeltung sechs Franzosen ausgewiesen würden. Die Agentur TASS lancierte eine heftige antifranzösische Kampagne. Und die sowjetische Botschaft in Paris schien in einem Kommuniqué Chiracs geplanten Moskaubesuch in Frage zu stellen: „Sehr seltsam“ sei das französische Vorgehen „zu einem Zeitpunkt, da Herr Chirac in die Sowjetunion zu reisen beabsichtigt“.

So ändern sich die Zeiten. Im April 1983 hatte Präsident Mitterrand auf einen Schlag 47 Sowjetbürger des Landes verwiesen – der Kreml hatte es damals ohne Gegenmaßnahmen hingenommen.

Ro. W. (Paris)