Von Michael Schmitz

Ali Kochmann redet sich in Rage: "Wenn die Regierung ihren Liberalisierungskurs fortsetzt, mach’ ich den Laden dicht." Vor zweieinhalb Jahren erst hat Kochmann, ein Senegalese libanesischer Abstammung, in Dakar eine Batteriefabrik gegründet. Anfangs beschäftigte er zehn Mitarbeiter, heute sind es zwanzig, und sein Umsatz stieg von 150 Millionen senegalesischer Francs (CFA) auf über 500, rund 3,3 Millionen Mark. In den nächsten zwei Jahren wollte der Jungunternehmer die Kapazitäten abermals verdreifachen, für ganz Senegal den Bedarf an Autobatterien decken und in das Exportgeschäft einsteigen.

Bis vor wenigen Wochen schien das Ziel erreichbar. "Die Produktion lief auf vollen Touren, gearbeitet wurde bis in die Nacht." Jetzt stehen die Bänder still, weil die Regierung in Senegal das Importkontingent für Batterien erhöht und gleichzeitig die Einfuhrzölle gesenkt hat. Gegen die billigere Konkurrenz aus der Bundesrepublik und Frankreich kommt Kochmann nicht mehr an. Für ihn ist der Markt dicht.

"La nouvelle politique industrielle" – unter diesem Titel revidiert die Regierung seit dem Sommer das jahrelang auch von ihr favorisierte Konzept einer protektionistischen Wirtschaftsstrategie. Doch die Senkung der Zölle, propagiert als Investitionsimpuls, erweist sich für viele Unternehmer als zusätzliche Härte. Um Maschinen anzuschaffen, die europäischem oder japanischem Standard entsprechen, fehlt ihnen das Geld. Und an ausreichend qualifizierten Arbeitskräften mangelt es ohnehin.

Eine Öffnung des Marktes hält auch Kochmann langfristig für erforderlich. Doch zunächst müsse die nationale Industrie Anschluß an das internationale Produktionsniveau finden, und ohne Schutz sei das nicht zu schaffen, meint er. "Die neue Industriepolitik", so lautet sein bitterer Vorwurf, "ist nicht genügend durchdacht und überhastet begonnen worden. Sie nimmt uns jede Chance."

Dagegen beschwört Senegals Staatspräsident Abdou Diouf die "Reaktivierung nationaler Ressourcen", appelliert an Unternehmergeist, private Initiative und Eigenverantwortung und mahnt, die Unternehmer dürften nicht gleich nach staatlicher Hilfe rufen, sobald Schwierigkeiten auftreten. Denn die Regierung hatte einsehen müssen, daß auch der Protektionismus Senegal nicht vor wirtschaftlichem Verfall bewahren konnte.

Während andere westafrikanische Länder einen sachten Aufschwung verzeichneten, verlor die senegalesische Industrie unaufhaltsam Positionen. Trotz Einfuhrpräferenz in die Europäische Gemeinschaft gingen die Lieferungen dorthin kontinuierlich zurück. Die anhaltend hohen Erdölpreise und der Wertverlust der Hauptexportgüter Erdnüsse, Baumwolle und Phosphat verschlechterten zusätzlich die Handelsbilanz. Seit Jahren lebt die ehemalige französische Kolonie von einem Quartalstermin zum anderen von ausländischen Budgethilfen und Überbrückungskrediten und ist weit davon entfernt, die 1,8 Milliarden Dollar Schulden abzutragen.