Im Berliner Siedler-Verlag präsentiert sich der zeitgenössische Konservativismus in seiner feinsten und gediegensten Form. Hier werden die Reden des Bundespräsidenten gedruckt, hier veröffentlicht ein ehemaliger Bundeskanzler (Helmut Schmidt) seine Gedanken zur Kunst, hier findet sich überhaupt so mancher ein, der dem lärmenden, primitiven Konservativismus, der seit einiger Zeit für Schlagzeilen sorgt, eher mit Mißfallen begegnet.

Der Verleger selber, ein markant aussehender Herr, publiziert in seinem Hause Bücher, deren Themen und sprachliche Gestaltung wie Anachronismen aus der Bücherflut unserer Tage herausragen. Jetzt hat Wolf Jobst Siedler in seiner exklusiven, typographisch ansprechenden "Corso"-Reihe ein Bändchen vorgelegt, das den Leser in die versunkene Welt Preußens führt.

Über Preußen und seine Geschichte ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden, einiges Bedenkenswerte, so von Gordon A. Craig ("Das Ende Preußens"), und viel Mittelmäßiges und Schlechtes. Aber noch nie, soweit zu sehen ist, wurde der Versuch unternommen, die preußische Geschichte, ihre Höhepunkte und Niederungen, aus der Perspektive eines einzigen Schauplatzes, eines geographischen Topos darzustellen, eines winzigen Ortes, der mit dem Großen Kurfürsten in die Geschichte trat und mit Hitlers Untergang wieder aus der Geschichte verschwand.

Die "Pfaueninsel", deren Topographie Siedler mit nostalgischer Liebe beschreibt, liegt heute im Niemandsland zwischen Kladow (West-Berlin) und Potsdam (DDR). Rund drei Jahrhunderte lang war sie abwechselnd alchimistische Hexenküche, Schauplatz denkwürdiger amouröser Begegnungen eines preußischen Prinzen, des späteren Friedrich Wilhelm II., mit einem bürgerlichen Mädchen, Station einer abenteuerlichen Flucht, bei der es ebenfalls um einen späteren preußischen Monarchen ging, schließlich Kulisse einer düsteren Groteske, Ende April 1945, als in letzter Minute Hitlers "Testament" aus der zerbombten und von der Roten Armee bereits eingeschlossenen Reichshauptstadt ausgeflogen werden und Adressaten erreichen sollte, deren Befehlsgewalt nur noch auf dem Papier existierte.

Siedler erzählt diese Episoden, die sich mit der Pfaueninsel verbinden, mit altväterlichem Charme und viel Einfühlungsvermögen. Freilich bleibt beim Leser, der sich vom Autor gern durch die märkische Landschaft, den Kern Preußens, geleiten läßt, der Eindruck zurück, Siedler habe den Topos eigentlich nur zum Vorwand genommen, um uns auf seinen ausgedehnten Streifzügen durch die Insel den "jugendlichen Glanz dieses Preußens" noch einmal vor Augen zu führen.

Preußen: Das war in Siedlers Sicht eben nicht nur Militarismus und Säbelrasseln, nicht nur karges Soldatenkönigtum und Kasernenhofdrill, nicht nur Obrigkeitsstaat und Autoritarismus. Preußen: Das war auch der architektonische Gestaltungswille seiner Herrscher, das war Sanssouci, Charlottenburg und Glyncken, das war Knobeisdorff, Schinkel und Schadow, das war eine Kulturanstrengung, die eine ihr gemäße Landschaft vorfand und formte. "Sonderbare Militärmonarchie, dieses Haus Hohenzollern", sinniert Siedler, in der sich ein König danach sehnte, das Leben eines Landwirts zu führen.

Siedlers essayistische Phantasie, seine Fähigkeit, entlegene Dinge gedanklich zusammenzufügen, nähren sich aus der Kraft der Erinnerung, die festhalten will, was einmal war und nicht nur schlecht war. Dabei vermeidet es Siedler sorgfältig, seinen Schilderungen und Deutungen jenen Hautgout beizumischen, der auf neue deutsche Sinnstiftungen und Identitätsbildungen zielt. So gesehen sind die Siedlerischen Spaziergänge in Preußens Arkadien ohne peinlichen Hintersinn.