Ein Feuilletonist – und viel mehr: Alfred Polgar und eine liebevolle Edition seiner Werke

Von Rolf Schneider

Das Feuilleton, jene zwischen Essay, Plauderei, Anekdote und Erzählung sonderbar oszillierende Prosaform, ist eine französische Erfindung. Geburtsort war das Journal des Debats, einer der ersten Erzeuger war der Kritiker Sainte-Beuve, dessen nicht unerhebliches Genie zugleich dafür sorgte, daß solche Texte, als Beilage zu den politischen Aktualia getan, nicht rasch verderbliche Tagesware wurden, vielmehr aufrückten zum inzwischen soliden Bestand der französischen Literaturgeschichte.

Aus jener heimlichen Gegensätzlichkeit, für den Tag gemacht zu sein, zugleich den Tag überdauern zu wollen, ernährt sich das Feuilleton seither, auch außerhalb Frankreichs. Heinrich Heine und Ludwig Börne, als politische Emigranten mit zweitem Wohnsitz in Paris, haben durch ihre graziöse Publizistik den Stil ihres Zeitgenossen Sainte-Beuve in deutsche Druck- und Lesegewohnheiten implantiert; der Name Feuilleton freilich wurde erst viel später ins kategorisierende Bewußtsein des deutschen Publikums gehoben, und da waren sie beide, Börne wie Heine, bereits unverzichtbare Heldenfiguren unseres kulturellen Pantheons. Das Zeitalter der Jungdeutschen, zu denen sie nicht bloß zufolge ihrer Lebensdaten gehörten, brachte mit Leuten wie Gutzkow und Menzel die Wirklichkeit eines modernen Journalismus in unsere Landschaften; die Folge war neben anderen der Publizist Theodor Fontane, dessen Reisebilder aus Großbritannien und der Mark Brandenburg auf Heinesches Erbe setzten, also Feuilletons waren; und von hier geht die Traditionslinie ungebrochen bis zu Kurt Tucholsky, der fast fünfzig Jahre nach seinem Tode immer noch, immer wieder entzückte Leser seiner Gesamtausgaben findet.

Ein wenig früher als in Tucholskys Berlin wurde, mit nichts als Feuilletons zu literarischem Ruhm zu gelangen, in Wien möglich, vermittels eines besonders verbummelten Bohemiens, der Richard Engländer hieß und sich Peter Altenberg nannte. Seine kleinen duftigen Skizzen, von seinen Kaffeehaus-Kumpanen stürmisch bejubelt, brachten es, zwischen zwei Buchdeckel getan, zu hübschen Verkaufserfolgen; übrigens erschienen sie im Verlagshaus S. Fischer zu Berlin. Das imaginäre Kräftefeld der deutschen Feuilletons mit Ewigkeitsansprüchen gleicht der trigonometrischen Figur eines Dreiecks, da sich zu Berlin und Wien als dritter Städtename Frankfurt am Main gesellt, durch die dort erscheinende, von Leopold Sonnemann begründete Frankfurter Zeitung und jene Texte, die in ihr unterm Strich erschienen. Ernst Bloch und Walter Benjamin begannen als Feuilletonisten, auch wenn „Spuren“ und „Einbahnstraße“ inzwischen längst zu Bestandteilen philosophischer Gesamtausgaben aufgerückt sind.

Die Figur des Dreiecks mag zur Annahme einer Gleichartigkeit der drei benannten Zentren führen; hier zeigt sich das Bild überfordert. Die heimliche Hauptstadt des deutschsprachigen Feuilletons gewesen und geblieben ist Wien, Geburtsort des Schriftstellers Alfred Polgar.

Wien und Hollywood