Amerikas neue Manager krempeln die Industrie um

Von Jes Rau

An unternehmerischen Herausforderungen hat es in den vergangenen zehn Jahren nicht gefehlt. In diese Zeitspanne fallen Energiekrise, die Inflation, die längste Rezession der Nachkriegszeit und radikale Verschiebungen des Währungsgefüges. So einschneidend jedes dieser Ereignisse war – keines hielt die Bosse der amerikanischen Konzerne aber so sehr in Atem wie die jüngste Herausforderung: das Übernahmefieber. Fast täglich kamen Meldungen, daß irgendein Konzern einen anderen schluckt, daß Konzernteile abgestoßen werden, daß ein Unternehmen einen Teil seiner eigenen Aktien aufkauft oder daß das Management einer Aktiengesellschaft deren Anteile übernimmt.

Bei mehr als der Hälfte der tausend größten amerikanischen Konzerne haben sich mittlerweile in irgendeiner Weise die Kapitalverhältnisse geändert, und meistens werden die Unternehmen dabei auch völlig neu organisiert. Auf diese Weise vollzieht sich der Kampf um Besitz und Kontrolle des amerikanischen big business. Denn bei jeder Firmenübernahme geht es unter anderem auch um Kopf und Kragen der etablierten Unternehmensführung. Das ist ein ganz neues Gefühl für die Manager der amerikanischen Großindustrie, die es seit Jahrzehnten gewohnt sind, schalten und walten zu können, wie sie wollen.

Manager verlieren Macht

„Die entscheidende Macht in der modernen Industriegesellschaft wird nicht von den Kapitalisten ausgeübt, sondern von den industriellen Bürokraten ...“, schrieb Harvard-Professor John Kenneth Galbraith vor zwanzig Jahren in seinem Buch Der neue Industriestaat. Das stimmt nicht mehr. Ein großer Teil dieser Macht ist den industriellen Bürokraten in den vergangenen Jahren entglitten. Gelandet ist sie bei den Finanziers und deren Helfershelfern in den Investmentbanken und Arbitragefirmen an der Wall Street. Die Zukunft eines amerikanischen Konzerns hängt heute oft von den Machenschaften von Außenseitern ab, die sich Geschäftsberichte anschauen und dabei auf Ideen kommen.

Daß Amerikas Manager über diese Entwicklung nicht froh sind, ist leicht zu verstehen. Die Bosse versuchen deshalb, die Öffentlichkeit und den Kongreß zu mobilisieren. Bei den Anhörungen vor den zuständigen Ausschüssen beklagen sie, daß die „Geldgier skrupelloser Geschäftemacher“ der amerikanischen Wirtschaft.die Substanz raube. Die Finanziers kontern mit dem Vorwurf, die Manager seien nur um ihre Pfründe besorgt. Der gefürchtete Firmenaufkäufer Carl C. Icahn schimpft oft und gerne darüber, daß sich die Bosse „wie Aristokraten“ gebärdeten: „Die zahlreichen Ebenen der Management-Hierarchie – das ist ja fast wie Feudalismus.“