Sich im literarischen Leben der Gegenwart einen Namen zu machen, dafür gibt es kein Patentrezept. Die regelmäßige Publikation von Büchern allein reicht jedenfalls nicht, selbst wenn diese Bücher in renommierten Verlagen erscheinen. Todsicher ist hingegen, daß jemand sofort aus dem literarischen Bewußtsein verschwindet, wenn nicht regelmäßig Neues und Altes von ihm auf den Markt geworfen wird.

Wohlgemerkt! Es geht dabei gar nicht in erster Linie um die Qualitätsfrage, vielmehr geht es um die „Präsenz“. Der Buchmarkt unterscheidet sich, insofern, nur wenig vom Markt der Zahnpasta oder der Turnschuhe.

Zum Beispiel Walter E. Richartz. In den siebziger Jahren hatte sein Name einen guten Klang. Ich erinnere an „Noface“ (1973), den „Büroroman“ (1976), an „Reiters Westliche Wissenschaft“ (1980). Diese Bücher wurden seinerzeit nicht nur gedruckt, sie wurden gelesen, diskutiert, sie wurden wahrgenommen. Es waren – es sind! – aber auch ungewöhnliche Bücher, die der ungewöhnlich vielseitige Autor veröffentlichte. Immer geht etwas Irritierendes von ihnen aus, etwas schmerzhaft Fragendes. Dringend, drängend, ungeduldig ist Richartz’ Prosa, festgemacht an sehr alltäglichen Gegenständen: Sie beschreiben (so steht es im Motto zu „Tod den Ärzten“, 1969) „nichts als Wirklichkeit“.

Richartz beging im Februar 1980 Selbstmord, keine 53 Jahre alt. Unter seinem wirklichen Namen, Walter von Bebenburg, hatte er ein naturwissenschaftliches Studium absolviert, hatte promoviert und war als leitender Angestellter in einem Werk der pharmazeutischen Industrie in Frankfurt tätig, Lehraufträge führten ihn für mehrere Jahre in die Vereinigten Staaten.

Nebenher die Literatur. Nebenher? Es ist beinahe überwältigend, was Richartz seit Mitte der sechziger Jahre geschrieben, übersetzt und herausgegeben hat. Mit Freunden zusammen betrieb er den Handpressen-Verlag der „Galerie Patio“, übersetzte er unter anderem Lewis Carroll, Raymond Chandler, Stephen Crane, F. Scott Fitzgerald, Dashiell Hammett, schrieb er Hörspiele, Rundfunkessays sowie Aufsätze, Satiren, Erzählungen und Romane. Seine Bücher betreute der Diogenes-Verlag.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Lektor Gerd Haffmans trennte sich von Diogenes und gründete seinen eigenen Verlag, und Richartz’ Werk geriet – siehe Arno Schmidt! – in die Mühlen des Streits um Urheberrechte. Mehr als sechs Jahre nach dem Tod des Autors erscheinen jetzt acht „Letzte Erzählungen“, Haffmans hat sich durchgesetzt. Bleibt zu wünschen übrig, daß es ihm gelingt, auch Richartz wieder durchzusetzen.

Allein diese Geschichten! Ganz selbstverständliche, normale Begebenheiten: „In der Zange“. Nicht leicht zur referieren, was da im Detail aus lauter alltäglicher Wirklichkeit erzählend entwickelt wird. Es sind die Nachbarn, liebe, freundliche Menschen. Die Schumanns, zum Beispiel. „In das Klofensterchen neben der Eingangstür war ein bleigefaßtes Glaswappen eingelassen, das Frau Schumann von einem Heraldiker hatte entwerfen lassen.“ Auf der anderen Seite die Stahls, jedes Geräusch von dorther teilt sich mit, „in den fünfziger Jahren, als diese Häuser gebaut worden waren, war Schallschutz unbekannt. Wenn es ganz still war, konnte man das Gluckern aus der Flasche hören.“