Nicht immer ist ein Verbot die beste Werbung für ein Buch. Als die sechsunddreißigjährige Schriftstellerin Djuna Barnes 1928 ihr erstes Buch herausbrachte, „Ryder“, interessierte sich für dieses Jugendwerk mehr die Zensur als die literarische Öffentlichkeit.

So ist es geblieben, vor allem in Deutschland. Hier wird die große Erzählerin und Dramatikerin noch immer nicht ihrem Rang entsprechend erkannt. Erst nach dem Tod der Neunzigjährigen 1982 erinnern sich die Verlage wieder an sie. Ihr wichtigstes Buch, der Roman „Nightwood“ (1936), war zwar im Suhrkamp Verlag immer zu haben, aber gelesen wurde das von Wolfgang Hildesheimer übersetzte Buch so wenig, wie ihr visionäres Stück „Antiphon“ gespielt wurde und wird – zum Schaden des Theaters. Inzwischen sind bei Wagenbach einige der kleineren Arbeiten der Autorin erschienen. Nun legt Suhrkamp das Jugendwerk der Autorin vor, „Ryder“, in Henriette Beeses so genauer wie verspielter Übersetzung.

Wie sprechen über ein Buch, dessen fünfzig Kapitel alle in einem anderen Stil geschrieben, aus immer anderer Erzähl-Haltung vorgetragen werden? Die virtuose Sprachmeisterin Djuna Barnes spielt hier, durchaus vergleichbar dem Joyce des „Ulysses“, mit allen Errungenschaften der Poesie. Man kann das Buch, oberflächlich betrachtet, einen Familienroman in der Tradition der englischen Erzähler Fielding oder Thackeray nennen. Aber das Werk entzieht sich jeder noch so subtilen Definition. Der entzückte, verwirrte Leser wird mit einer gigantischen, phantastischen Stilübung konfrontiert, die überaus vergnüglich zu lesen ist.

Da gibt es Kapitel in Form von Gedichten, Klage- oder Wiegeliedern, in denen es über die männliche Hauptfigur, Wendell Ryder, heißt: „Dan Wendell war ein Mann von Würz’, fürwahr / Wo jeder einmal, dacht’ er zweimal gar.“ Da gibt es Kapitel im Irrealis, als endlos gereihtes Register, als Brief, als Selbstgespräch – alles hübsch, „rosafärben von Obszönität“, wie wir einmal lesen. Denn Djuna Barnes schreibt in ihrem ersten Buch, in dem sie sich ihrer stilistischen Fertigkeiten versichert, über die Liebe in allen Formen.

Im Mittelpunkt thront der eitle Nichtstuer Ryder, ein Ruhmredner der Vielweiberei: „Kein Mann kann diese Welt beurteilen, so er nur von einem einzigen Bett aufgestanden ist... Einer mit seinem Ein-Bett-Urteil wird nie mildes Urteil fällen ... Polygamie ist das einzige Bett, aus dem ein Mann herausrollt und vorbereitet ist, der Welt entgegenzutreten, und gefaßt auf Hebamme wie Totengräber.“

Mal muß die Übersetzerin den Ton alttestamentarischer Litaneien treffen, dann den sophisticated style snobistischer Intellektueller der zwanziger Jahre. Der üppig schwellende Ton barocker Wortkaskaden ist ebenso wichtig wie der nüchterner Aufzählung im dokumentarischen Stil. Da gibt es Predigten und Reime, Schimpfkanonaden und Flucharien. Djuna Barnes erweist sich als witzige oder manieristische Erzählerin, die für alles und jedes gewählte Umschreibungen findet, etwa für Zeugung: „Dann werteten Mann und Weib, beide gebührlich erregt, einander bei ihrer jeweiligen Mitte, er trug einigen Trieb bei, und sie nahm ihn in sich auf, und alsbald brachte es einen großen Kopf mit großen Augen und ohne Füße und ohne Hände hervor...“

Wendell, der sich, nicht nur mit den ihm angetrauten Frauen, eine Familie, ein Geschlecht schaffen will, ist „das Glück der Frauen“. Nach den barock dialektischen Gesetzen dieses ausschweifenden Romans gilt aber auch die Umkehrung: Der erotische Vielfraß ist zugleich das Verderben der Weiber, oder, wie Djuna Barnes es formuliert: „Unter allen Fleischfressern hat der Mann das Weib am liebsten.“ Rolf Michaelis Djuna Barnes: