Von Helmut Trotnow

Der amerikanische Historiker Gordon A. Craig hat kürzlich angesichts des heftigen Historikerstreits in der Bundesrepublik seinen deutschen Kollegen den Rat gegeben, sich mehr mit der Geschichte selbst zu befassen und weniger über Geschichte zu streiten. Der Sammelband „Kindheit im Kaiserreich. Erinnerungen an vergangene Zeiten“ kann gleichsam als Versuch verstanden werden, diesen Rat in die Praxis umzusetzen. Allerdings ist der Herausgeber des Bandes, Rudolf Pörtner, kein Historiker sondern Journalist; bekannt geworden durch eine Reihe populärwissenschaftlicher Bücher zu geschichtlichen Themen. Pörtner hat auch nicht selbst Geschichte geschrieben, sondern Geschichte schreiben lassen. Insgesamt 38 ältere Zeitgenossen konnte er dafür gewinnen, über die Kindheit im Kaiserreich zu berichten.

Der älteste von ihnen ist der bekannte Staatsrechtslehrer Friedrich Wilhelm von Rauchhaupt, der noch als kleiner Knabe Kaiser Wilhelm I. die Hand schüttelte und der im 106. Lebensjahr ist. Der jüngste Verfasser eines Beitrages ist der Herausgeber selber – als Jahrgang 1912. Auch neun Frauen haben Beiträge geliefert, darunter so wohlbekannte Namen wie die Schriftstellerin Margarete Buber-Neumann oder die Schauspielerin Adrienne Gessner, die in den vierziger Jahren große Erfolge in den USA hatte und später ans Burgtheater in Wien zurückkehrte.

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Im Vordergrund der Darstellungen stehen die Verhältnisse im Zweiten Deutschen Kaiserreich von 1871 bis 1918/9. Einige wenige Beiträge beziehen sich auch auf die Situation in der Donaumonarchie Österreich-Ungarn, die ebenso wie das Kaiserreich am Ende des Ersten Weltkrieges 1918/19 zusammenbrach. Man muß dem Herausgeber ein Kompliment machen. Er hat einen Memoirenband zusammengetragen, der es in sich hat. Die Erinnerungen der „alten Herrschaften“ machen in der Tat die vergangenen Zeiten lebendig. Sie zeichnen ein Panorama der wilhelminischen Gesellschaft, das weitaus facettenreicher und nuancierter ist als die gängigen Geschichtsdarstellungen.

Dabei war das Unternehmen keineswegs unproblematisch, wie der Herausgeber in seinem Vorwort erläutert: „Es ging ja um nicht mehr und nicht weniger, als eine knappe Hundertschaft rüstiger und aussagebereiter Methusaleme aufzuspüren und zum Schreiben zu bringen.“ Ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft konnte dabei denn auch nicht herauskommen. Weitgehend regierte der Zufall und natürlich der biologische Kreislauf. Arbeiterkinder sind unter den Autoren nicht zu finden; auch keiner, der in seinem späteren Werdegang Arbeiter wurde. Vielleicht liegt es daran, daß die Lebenserwartung dieser Gesellschaftsschicht nicht so hoch ist, um ein solch biblisches Alter wie die Autoren des Erinnerungsbandes zu erreichen. Vorwiegend entstammen die Autoren dem Bürgertum und dem Adel. In ihrem späteren Werdegang haben sie alle „Erfolg“ gehabt, sei es als Schauspieler und Künstler, als Wissenschaftler und Wirtschaftler oder als Staatsdiener und Politiker. Die Aussagekraft der einzelnen Beiträge ist durch diesen Umstand jedoch nicht geschmälert worden, zumal die meisten Autoren sich der Problematik ihrer Aufgabenstellung bewußt waren – erstaunlicherweise.

„Es bedeutet ein echtes Wagnis“, erklärt Werner Wachsmuth, ehemaliger Chirurg an der Würzburger Universität, „im 87. Lebensjahr über Erinnerungen an das Kaiserreich zu berichten.“ Die Schwierigkeit besteht nämlich darin, die Erfahrungen des späteren Lebensweges nicht mit den „wahren Empfindungen der Jugend“ zu vermischen. Angesichts der vielen Brüche in der jüngsten deutschen Geschichte ist dies keine leichte Aufgabe. Immerhin haben die Autoren nicht nur das Ende des Kaiserreiches miterlebt, sie wurden auch Zeugen, wie 1933 die Weimarer Republik zu Ende ging und die Nationalsozialisten die Macht antraten. Sie haben erlebt, wie das Deutsche Reich 1945 nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges aufgelöst wurde und 1949 der Aufbau zwei deutscher Staaten mit konträrer gesellschaftspolitischer Ausrichtung begann. Aber obwohl diese Brüche zwangsläufig das Denken der betroffenen Menschen haben verändern müssen, ist in den Beiträgen doch so etwas wie ein kontinuierliches Geschichtsbewußtsein festzustellen, das sich weniger an Strukturen als vielmehr am Menschen selbst und seiner Rolle im Geschichtsprozeß orientiert. Gleichsam im Sinne Jacob Burckhardts orientiert. William Born, ehemaliger Politiker in Berlin, Bonn und Straßburg: „Ob Kaiserreich oder Berlin, blik, ob Kapitalismus oder Sozialismus, alles wird von Menschen gemacht.“