Von Allister Sparks

Der untersetzte Mann mit dem schon etwas angegrauten Haar erscheint völlig entspannt. Mit Polohemd und bequemen Hosen bekleidet, nippt er an seinem Drink und sieht vom Balkon aus dem Sonnenuntergang in der afrikanischen Steppe zu. „Ich bin überzeugt, daß der Wandel in Südafrika durch Verhandlungen kommen wird“, sagt Joe Slovo. „Wenn es irgendeine Aussicht gibt, den Konflikt schon morgen friedlich beizulegen – wir würden die ersten sein, die sagen: ‚Gut, wir machen mit.‘“

Das sind unerwartet versöhnliche Worte von einem Mann, der in Südafrika und darüber hinaus oft als menschliches Ungeheuer, weißer Kommunist, als Kopf des schwarzen Untergrunds und als Chefplaner seiner terroristischen Aktionen bezeichnet wird.

Joe Slovo ist Weißer. Er ist der Generalsekretär der verbotenen SACP (Kommunistische Partei Südafrikas) und sitzt in der Leitung des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). Jahrzehntelang galt Slovo als herdliner im Kampf gegen die Regierung in Pretoria; in seinem Buch „No Middle Road“ („Kein Mittelweg“, vor zwölf Jahren erschienen) war Slovo noch überzeugt, daß nur der bewaffnete Kampf durch die Guerillatruppe des ANC die Machtübernahme am Kap herbeiführen kann, wie es heute noch die jungen, kämpferischen Genossen in den schwarzen Gettos Südafrikas glauben. Von Guerillaführer Joe Slovo sind neuerdings moderatere Töne zu hören, die so gar nicht in das dämonische Bild passen, das die südafrikanischen Behörden von ihm zu zeichnen pflegen. Während des Gesprächs in Lusaka wirkt Slovo witzig, charmant und durchaus pragmatisch.

Aber vielleicht hat das Alter ihn reifen lassen. Slovo ist heute sechzig, ein Trimm-Fanatiker, der zehn Jahre jünger aussieht. Vielleicht auch trägt er an dem Gewicht zunehmender Verantwortung, seit der ANC auch international als der eigentliche schwarze Gegenspieler zum Apartheid-Regime Anerkennung findet.

Slovo selbst erklärt die Bereitschaft zu friedlichem Wandel durch die veränderten Umstände. „Als ich ‚No Middle Road‘ schrieb, gab es nicht einmal den Hauch einer Verhandlungschance“, sagt er. „Die andere Seite war völlig unnachgiebig, da gab es für uns nur eine Antwort. Heute hat die Regierung in Pretoria so viele Schwierigkeiten, daß internationaler Druck sie dazu bewegen könnte, uns entgegenzukommen. Ich wage sogar zu behaupten: Wenn heute die Vereinten Nationen bindende internationale Sanktionen gegen Südafrika verhängen, dann sitzen Präsident Botha oder sein Nachfolger binnen sechs Monaten am Verhandlungstisch.“

Slovo wurde als Sohn eines mittellosen jüdischen Einwanderers aus Litauen geboren. Schon mit vierzehn Jahren mußte er Geld verdienen, ohne jemals eine höhere Schule besucht zu haben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er eine Universität besuchen: Der Kriegsheimkehrer erhielt ein Stipendium für die Witwatersrand University in Johannesburg. Slovo studierte Jura und absolvierte die Hochschule mit dem besten Examen. Mitglied der Kommunistischen Partei Südafrikas wurde er bereits in den dreißiger Jahren. „Das war damals Mode!“ schmunzelt er. 1952 wurde die Partei verboten, 1963 floh Joe Slovo aus Südafrika. Vor einem Jahr schaffte der weiße Kommunist den Sprung an die Spitze der Exil-Partei; die Delegierten wählten ihn in London zum Generalsekretär.