Von Heinz-Günter Kemmer

Als der nordrhein-westfälische Finanzminister Diether Posser den Landesbehörden Mitte Januar den Brotkorb hoch hängte und verfügte, daß bis Ende September nur 55 Prozent der Haushaltsmittel ausgegeben werden dürften, glaubte mancher, das Land zwischen Rhein und Weser sei nun endgültig pleite – ausgezehrt von der Dauerkrise bei Kohle und Stahl, Opfer sozialdemokratischer Unfähigkeit, erfolgreich zu wirtschaften. Daß das Land keineswegs pleite ist, hat sich dann sehr schnell herausgestellt. Die Ministerien können inzwischen wieder über ihre Etats verfügen. Posser hat ihnen in der Zwischenzeit lediglich 371 Millionen Mark abgeknöpft und damit das Haushaltsvolumen auf jenes Maß zurückgeführt, das der Landtag 1986 beschlossen hatte – 59,8 Milliarden Mark. Und sowenig das Land pleite ist, sowenig herrscht in den von der Krise und damit von der Arbeitslosigkeit besonders betroffenen Städten des Ruhrgebiets Weltuntergangsstimmung – Zweiflern sei ein Bummel durch Dortmund oder durch Duisburg empfohlen.

Aber es gibt keinen Zweifel daran, daß sich die wirtschaftliche Lage der industriellen Kernzone des Landes, des Ruhrgebietes, krisenhaft zuspitzt. Denn bei Kohle und Stahl wird weiter in die Substanz geschnitten – nimmt man die Folgewirkung von Entlassungen in der Stahlindustrie und im Bergbau hinzu, dann werden innerhalb der nächsten zwei Jahre mindestens 50 000 Arbeitsplätze wegfallen. Die Arbeitslosenquote im Revier, die derzeit 15,3 Prozent beträgt, würde damit auf mehr als achtzehn Prozent steigen; in Hattingen wie in Oberhausen, wo die Stahlerzeugung bis auf bescheidene Reste verschwinden soll, würden sich sogar Quoten von über zwanzig Prozent ergeben.

Die Massenentlassungen in der Stahlindustrie, die nicht nach bewährtem Muster von großzügigen Sozialleistungen begleitet werden sollen, und das ungeklärte Schicksal des Bergbaus – weitere Zechenstillegungen scheinen unvermeidlich – lassen die Volksseele kochen. Unternehmensleitungen wie Politiker kriegen den Unmut der Menschen zu spüren. Unverständnis über das, was nun über sie hereinbricht, ist aus beinahe allen Gesprächen mit den Betroffenen herauszuhören, und ihre letzte Hoffnung ist nur, daß nicht sein kann, was nicht sein darf.

Dabei hatte nach dem Kriege alles so wundervoll begonnen. Die Paradeerzeugnisse des Landes – Kohle und Stahl – konnten nicht so schnell produziert werden, wie sie gebraucht wurden. Das Herz des Wirtschaftswunders schlug an Rhein und Ruhr.

„Das reale Bruttoinlandsprodukt“, so schreibt das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in einem Rückblick, „stieg in dem Zeitraum von 1950 bis 1960 auf mehr als das Doppelte. Mitte der fünfziger Jahre erreichte die jährliche Zuwachsrate mit dreizehn Prozent ihren Spitzenwert.“ Aus allen Bundesländern strömten damals die Arbeitssuchenden in den „goldenen Westen“, wo sie zwar harte Arbeit erwartete, aber auch hohe Löhne.

Heute muß eine andere Institution, die Landeszentralbank, bekennen, daß die goldenen Zeiten vorüber sind. Sie schreibt in ihrem jüngsten Lagebericht: „Über den Gesamtzeitraum des laufenden Aufschwungs, also verglichen mit 1982, ist die gesamtwirtschaftliche Leistung in Nordrhein-Westfalen um sieben Prozent gewachsen. Im übrigen Bundesgebiet betrug der Anstieg hingegen elf Prozent.“