Schon nach wenigen Verbandlungstagen wurde im Madrider Mammut-Prozeß um den Speiseöl-Skandal klar, daß Schuldige nur schwer zu finden sein werden.

Vergälltes Öl wird für den Tod von 586 Spaniern und die Vergiftung von fast 25 000 Menschen verantwortlich gemacht. Die Hauptangeklagten – meist kleine Ölimporteure – verschanzen sich hinter der Behauptung, sie hätten über den folgenschweren Verwendungszweck des Industrie-Rapsöls nichts gewußt.

So bestritt der erste, vom Gericht vernommene Hauptangeklagte – der Rapsöl-Importeur Juan Bengoechea –, daß er über die Verwendung des aus Frankreich importierten Industrieöls irgendeine Kenntnis gehabt habe; im guten Glauben hat dieser Ölimporteur danach immer größere Mengen vergällten Industrie-Rapsöls an eine Lieferfirma in Madrid geschickt. Auch dort will niemand gewußt haben, daß über eine „Entgiftung“ des Rapsöls, also eine Entfernung jener beigemengten Stoffe, die einen Verzehr verhindern sollten, ein Speiseöl entstand, dessen Genuß lebensgefährlich werden sollte.

Wer hat das für Industriezwecke vorgesehene, ungenießbare Rapsöl in den Lebensmittelkreislauf eingeschleust, nachdem es in mißratener „Raffinierung“ in ein angebliches Speiseöl umgewandelt worden war – und wer war dafür verantwortlich, daß der folgenschwere chemische Reinigungsprozeß überhaupt begonnen wurde? Gab es eine Kette von Mitwissern, die das gepanschte Speiseöl in Fünf-Liter-Kanistern und in nicht immer gründlich gesäuberten Tankwagen über fliegende Händler als „reines Speiseöl“ zu Billigpreisen verkauften? Immer wieder versuchen die Ankläger, der Wahrheit ein Stück näherzukommen. Die Verteidigung der Angeklagten besteht aus zwei Argumenten: Erstens beteuern sie, das Industrie-Rapsöl sei nicht Auslöser der Erkrankungen. Alle benutzten chemischen Zusatzstoffe seien völlig normal und gebräuchlich gewesen. In einer zweiten „linea de defensa“ argumentieren die Anwälte der Angeklagten, daß ihre Klienten über die Strafbarkeit ihres Tuns nicht im Bilde waren. „Mein Klient‘, sagte einer von ihnen schon vor Beginn des Prozesses, „hat alle seine Geschäfte per Telephon abgewickelt. Er kaufte einen Teil des Öls, verkaufte ihn weiter und brachte ihn zu einem neuen Preis auf den Markt. Wie sollte er wissen, daß es sich hier um gepanschtes Öl gehandelt hat?“

Volker Mauersberger (Madrid)