Von Erika Martens

Die Stuttgarter wollen es wissen. Der kampferprobte Renommierbezirk der IG Metall will wieder einmal den Durchbruch bei den Tarifverhandlungen schaffen. Doch unumstritten ist der Anspruch der Baden-Württemberger nicht. Auch die Kollegen aus Nordrhein-Westfalen würden sich diesmal gern in der Vorreiterrolle sehen. Und der Vorstand in Frankfurt schweigt dazu bisher.

"Wenn’s einen GAU im AKW Neckar-Westheim gibt, dann können die in Nordrhein-Westfalen meinetwegen weitermachen", witzelte Alois Süß, Mitglied der Verhandlungskommission der IG Metall am Dienstag. An diesem Tag haben sich die Kommissionen von Arbeitgebern und Gewerkschaften im Schloßhotel Liebenstein getroffen, unweit des Kernkraftwerks von Neckar-Westheim. Zum ersten Mal in dieser Tarifrunde, in der es um die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche und um fünf Prozent mehr Lohn geht, stellte sich jene Spannung ein, die das entscheidende Stadium von Tarifverhandlungen kennzeichnet. Doch wieder wurden sie ergebnislos abgebrochen, und es blieb völlig offen: Scheitern die Verhandlungen, gibt es Spitzengespräche, oder wird die Schlichtungsstelle angerufen – diese drei Möglichkeiten gibt es.

Angedeutet hatte sich die Zuspitzung schon Ende vergangener Woche, als sich Hans-Peter Stihl, der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, und Ernst Eisenmann, der Stuttgarter IG Metall-Bezirksleiter, auf diesen achten Verhandlungstag im Tarifpoker 1987 geeinigt hatten – ein sicheres Zeichen dafür, daß die Zeit des Vorgeplänkels nun endgültig vorbei war; ein Zeichen aber ebenso dafür, daß auch die Arbeitgeber im Südwesten an einem Abschluß in ihrem Gebiet interessiert sind.

Bis vor kurzem schien nämlich noch alles auf den Bezirk Nordrhein-Westfalen zuzulaufen. Dort legten die Unternehmer Anfang März ihr erstes, bisher einziges Angebot vor, dort rüstete sich die Gewerkschaft zum Endspurt. Doch obwohl die Unternehmervertreter in Baden-Württemberg diese Offerte nicht präsentierten, gediehen die Gespräche über all die vielen, wichtigen Einzelheiten im Tarifgeschäft hier besser als in allen anderen Bezirken.

Bei den Arbeitgebern wollten diesmal vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen in der Metallindustrie ihren Einfluß auf das Ergebnis geltend machen. Sie waren mit dem Abschluß von 1984 gar nicht zufrieden gewesen und hatten ihrem Verband schwere Vorwürfe gemacht, als nach sieben Wochen Streik und einer Schlichtung durch den ehemaligen Chef der Bauarbeitergewerkschaft und Ex-Bundesminister Georg Leber die 38,5-Stunden-Woche beschlossen wurde. In Nordrhein-Westfalen aber haben die kleinen und mittleren Firmenvertreter, die insgesamt rund achtzig Prozent der Mitgliedsfirmen im Arbeitgeberverband Gesamtmetall stellen, das Sagen. Dort gibt es – anders als in Baden-Württemberg – nicht jene großen finanzkräftigen Firmen wie Daimler-Benz, Bosch oder Standard Elektrik Lorenz (SEL), die so oft in den Auseinandersetzungen der Vergangenheit die Kompromißlinie bestimmten.

Die Skepsis über einen Alleingang der Stuttgarter ist also auf beiden Seiten groß. Zwar haben die Kontrahenten im Südwesten häufig genug die Kastanien aus dem Feuer geholt, sie haben mehr als alle anderen gestreikt und ausgesperrt, haben unter den Kampfmaßnahmen gelitten – aber auch letztlich den Ruhm davongetragen. Denn in der Tarifgeschichte der Bundesrepublik spielt seit eh und je diese Region eine herausragende Rolle.