In der Legende gilt Damaskus als die älteste Stadt der Welt. Die meisten von uns betrachten sie heute als Touristenattraktion oder als eines der Zentren des explosiven Nah-Ost-Konfliktes. Syrische Literatur bleibt hierzulande aus vielerlei Gründen so gut wie unbekannt.

Daß der Syrer Rafik Schami, der seit fünfzehn Jahren in der Bundesrepublik lebt, syrische Literatur in deutscher Sprache schreibt, ist ein fast unverdienter, doch inzwischen mit mehreren Literaturpreisen anerkannter Glücksfall. Das Damaskus seiner Erinnerung bedeutet enge Heimat, weite Welt und brisantes Politikum zugleich.

Onkel Salim bedauert, daß er weder schreiben noch lesen, und deshalb seine Erfahrungen und Erkenntnisse nicht aufbewahren kann. Das gibt einem Vierzehnjährigen aus der Altstadt von Damaskus zu denken. Er beschließt, ein Tagebuch zu schreiben. Dreieinhalb Jahre lang begleiten wir den Schüler, Bäckerjungen im väterlichen Geschäft und den Lehrling einer Buchhandlung, das Kind, den Verliebten, den angehenden Journalisten im politischen Widerstand.

Naiv, lapidar, dem Augenblick hingegeben, ein wenig wichtigtuerisch kommen die ersten Eintragungen daher. Drängend, fordernd, der Zukunft verpflichtet endet das fiktive Tagebuch. In seiner Berichtzeit wird der Schüler zum jungen Mann. Seine Schwärmerei für die Nachbarstochter verändert sich in sexuelle Erfahrung und Verantwortung für die Geliebte. Die Kleinjungenstreiche aus spontanem Unbehagen entwickeln sich zum politischen Programm.

Die kostbare, geschichtsträchtige Urbanität der Altstadtgassen von Damaskus erfährt der Junge, als er die buntgemischte Schrift eines vermeintlich verrückten Bettlers mit Hilfe von Nachbarn und Bekannten entziffert. Selbst der christlichen Minderheit angehörend, geht er zum griechischen Automechaniker, zum persischen Gewürzkrämer, zum jüdischen Gemüsehändler, zu einem spanischen Geigenbauer und zur Frau des italienischen Konditors. Syrer, Palästinenser, Libanesen und Jordanier sind selbstverständlich. Auch Kurden und Assyrer lassen sich leicht aufspüren. Der Lohn ist eine der vielen eindrucksvollen Freiheitsparabeln Rafik Schamis.

Der alte Bettler gehört zu den später gefolterten politischen Gefangenen. Er wird der Willkür ausgesetzt wie Habib, der verbitterte Redakteur der Regierungszeitung, der den Jungen in die Geheimnisse des politischen Journalismus einführt und mit ihm eine Untergrundzeitung herausgibt.

Unbeschadet, aber keinesweg unbeeinflußt vom Tagesgeschehen bleibt Onkel Salim, der weise alte Mann des Orients, bis zu seinem Tode Vorbild und Helfer des Tagebuchschreibers – eine Märchenfigur, nicht nach dem Geschmack der Brüder Grimm, wohl aber dem des Morgenlandes: verschmitzt, lebensklug, erfahren und gegen jedes bessere Wissen behutsam-optimistisch.