Nur wenige Autoren können das: eine Botschaft glaubhaft vermitteln und gleichzeitig eine spannende Geschichte von menschlichen Schicksalen erzählen. Gudrun Pausewang und Michail Krausnick, zum Beispiel, gehören dazu.

Dieter Schliwka kann das auch. In seiner neuen Erzählung „Kinder der Taublume“ läßt er den fünfzehnjährigen Max berichten, wie sich das Bewußtsein einiger Menschen verändert, die in der Nähe des gigantischen Atomkraftwerkes von Hamm-Uentrop leben und plötzlich erfahren, daß auffällig hohe Strahlenwerte in der Umgebung gemessen werden. Auch Max war zuerst fasziniert von der kleinen künstlichen Sonne unter der Kuppel aus Stahl und Beton, die scheinbar alle Energieprobleme löst. Sein Freund Einstein, das Mathe-Genie, hatte ihm das Hohelied von der Sicherheit solcher Wunderwerke der Technik gesungen, und von den Betreibern, den Politikern und vielen dummgläubigen Bürgern waren die gleichen Töne zu hören gewesen. Doch dann passierte die Katastrophe von Tschernobyl, und der Schock weckte zumindest einige Träumer auf. Die Leute begriffen auf einmal, daß die Störfälle von Uentrop nicht wegzulächeln waren. In einer alptraumhaften Geschichte innerhalb der Geschichte denkt Max das Furchtbare in aller Konsequenz zu Ende. Das hat Folgen, denn er setzt seine Angst um in Aktivität.

Annalena, die auf einem Bauernhof im Schatten der Kühltürme des Reaktors wohnt, ist durch ihren Bruder und ein paar andere, die Widerstand leisten, sensibilisiert. Sie weiht Max und Einstein in das Experiment mit der Taublume ein. Diese empfindsame Pflanze, die schon von den Dakota-Indianern verehrt wurde, zeigt durch Verfärbung ihrer Blüten an, wenn sich die Plutoniumstrahlungen erhöhen. Andererseits vertraut Annalena auch dem alten Naturfreak Jantos, der sonst seine Nase nur in den Wind zu halten brauchte, um jede klimatische Veränderung zu wittern. Aber radioaktive Strahlen lassen sich nicht erschnüffeln.

Dieter Schliwka, der nicht weit entfernt von dem erwiesenermaßen störanfälligen Reaktor von Uentrop lebt, formuliert in dieser Geschichte nicht nur seine persönliche Betroffenheit. Er hat sich in der Vorbereitung zu diesem Buch in der Sache kundig gemacht und nennt im Vorspann seine Quellen. Seine Informationen sind gründlich und alarmierend. Aber vor allem zeigt er, daß es um die Zukunft und um das Glück konkreter Menschen geht, in deren Situationen der Leser sich hineinversetzen kann. Und so ist dieses Buch auch eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, übrigens mit einem überraschenden Ausgang. Ich möchte die Erzählung jungen Leuten ab zwölf sehr empfehlen. Jo Pestum

  • Dieter Schliwka:

„Kinder der Taublume“

Hoch-Verlag, Düsseldorf; 143 S., 18,80 DM