Von Eva-Maria Thoms und Klaus Scheffer

Großer Bahnhof in der Budapester Außenhandelskammer für Unternehmer und Manager aus Ungarn und der Bundesrepublik: Dem neuen „Investitionsführer Ungarn“ gilt das Interesse. „Das wird ein Bestseller, der sich in Mark und Forint auszahlt“, meinen Hans Otto Thierbach vom Ost-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft und Tamás Beck, Präsident der ungarischen Außenhandelskammer übereinstimmend. Die Präsentation in der Hauptstadt im Oktober 1986 war der Auftakt einer großen Werbekampagne für Investitionen in Ungarn, vor allem in Gemeinschaftsunternehmen, sogenannten joint ventures. Kaum zwei Wochen später präsentierten sich Unternehmen des Ostblocklandes auf „Ungarn-Tagen“ in Hannover, und im Frühjahr werden sie sich im hessischen Gießen vorstellen.

Zwar schuf die Regierung in Budapest schon 1972 die Möglichkeit, sich an Firmen in Ungarn zu beteiligen. Doch seitdem haben erst 65 westliche Unternehmen den Sprung ins andere Wirtschaftssystem gewagt, darunter neunzehn aus der Bundesrepublik. Das seien zu wenig, sagt Peter Riedl, der im ungarischen Finanzministerium für joint ventures zuständig ist. Jetzt aber kommen „relativ viele Anfragen von deutschen Unternehmen“, stellt Hans Jürgen Moecke von der Bundesstelle für Außenhandelsinformationen fest, denn die Ungarn haben im vergangenen Jahr umfangreiche Steuererleichterung beschlossen und garantieren seitdem als einziges Ostblockland den freien Transfer von Gewinnen. Moecke: „Ich glaube, daß wir vor einem kleinen Ungarn-Boom stehen.“

Den brauchen die Ungarn auch. Die Verschuldung im westlichen Ausland erreicht zwanzig Milliarden Mark. Das Defizit in der Handelsbilanz wird trotz aller Exportanstrengungen nicht kleiner, die Industrie ist im Planrückstand und der Lebensstandard der Bevölkerung sinkt. Ungarn, das sich in den siebziger Jahren mehr als alle anderen sozialistischen Staaten dem Weltmarkt öffnete, hat den Strukturwandel verpaßt. Imre Juhasz, Sekretär im Außenhandelsministerium, urteilt drastisch: „Die Struktur unseres Exportes entspricht der eines Entwicklungslandes. Mehr als ein Viertel der ungarischen Ausfuhren kommen aus der Landwirtschaft, sind Paprika, Salami und Gänse. Die Industrie zehrt seit Jahren von der Substanz. Investitionen, die die veraltete Produktions- und Exportpalette modernisieren könnten, sind zu teuer.“

Mit Hilfe von joint ventures wollen die Ungarn den Anschluß auf dem Weltmarkt wiedergewinnen. Peter Riedl: „Wir erwarten westliche Technologie, auch wenn es nicht die allermodernste ist. Dann wollen wir in den Fragen der Arbeitseffektivität und der Arbeitsorganisation lernen – das Marktdenken soll noch stärkeren Einzug in die ungarische Wirtschaft halten – und nicht zuletzt hoffen wir auf westliches Kapital.“ Die Rechnung der Ungarn ist einfach: Was die Ost-West-Firmen im Land produzieren, hilft Importe und damit Devisen sparen. Wird sogar exportiert, dann können die Devisenerlöse zum Abbau der Schulden beitragen.

Als Gegenleistung soll der Produktionsstandort Ungarn für westliche Unternehmer so attraktiv wie möglich werden. Dabei scheut sich die Volksrepublik auch, nicht, dem gewerkschafts- und auflagengeplagten Westunternehmer einige ganz und gar unsozialistische Angebote zu machen. Im „Investitionsführer Ungarn“ heißt es: „Die Kosten für Energie und Grundstoffe liegen auf vielen Gebieten niedriger als in hochentwickelten Industrieländern. Das gleiche gilt für das allgemeine Lohnniveau. Ausfälle durch Arbeitskampf sind nicht bekannt. Ungarn verweist auch auf die noch verhältnismäßig geringen Umweltauflagen.“

Das ungarische Steuersystem haben gerade die bundesdeutschen Unternehmer schon immer als angenehm empfunden, weil es so einfach ist. Gemeinschaftsunternehmen zählen wie die ungarischen Staatsbetriebe eine einheitliche Körperschaftsteuer von vierzig Prozent auf den Gewinn. Seit Januar 1986 zahlen bestimmte Unternehmen noch weniger. Von Gemeinschaftsfirmen, die Waren produzieren oder ein Hotel betreiben, verlangt der ungarische Fiskus in den ersten fünf Jahren nur zwanzig und vom sechsten Jahr an dreißig Prozent. Noch günstiger sind Investitionen in Schlüsselbereichen der ungarischen Wirtschaft wie Elektronik, Maschinenbau oder Chemie. Denen werden die Steuern für die ersten fünf Jahre ganz erlassen und danach auf zwanzig Prozent begrenzt. Wer Gewinne reinvestiert, bekommt je nach Umfang der Investition bis zu 75 Prozent Steuern zurück.