Einhunderttausend Indianer sollen noch in Amazonien leben, zu beiden Seiten des 7000 km langen Flusses, in den dampfenden, undurchdringlichen Urwäldern, der „Grünen Hölle“.

Einer davon, Sebastião Bastos, hat seine Lebensgeschichte einem französischen Journalisten erzählt. Nicht von heute auf morgen. Eine zehnjährige Bekanntschaft, die zur Freundschaft wurde, begleitet die Aufzeichnungen. Dadurch unterscheiden sie sich wohltuend von den rasch hingeworfenen Bekenntnisbüchern, die oft mehr guten Willen als Sachkenntnis verraten.

Sebastiäo ist Indianer von Geburt – seine Mutter war Indianerin, sein Vater Mestize –, aber er ist es auch aus Überzeugung. Mehrfach hat der beinahe Achtzigjährige die Möglichkeit gehabt, in neue Lebenskreise einzutreten, Urwald und Primitivität der Umgebung hinter sich zu lassen, aber stets entschied er sich für das „einfache Leben.“

Als Sebastião geboren wird, besitzt sein Vater eine gutgehende Kautschukfarm. Nur in Brasilien kommt die Gummipflanze vor, der Bedarf steigt ständig in den Industrieländern, die Stadt Manaus, 2000 km von der Amazonasmündung entfernt, erlebt einen ungeheuren Boom. Als das Theater eingeweiht wird, der Pariser Oper nachempfunden, mit Glasfenstern, die denen des Straßburger Münsters gleichen, kommt Sarah Bernard. Die Treppe des Gebäudes ist vom Erbauer des Eiffelturms entworfen. In den Innenhöfen der Privathäuser sprudelt Tag und Nacht das Wasser in Marmorbrunnen, um Kühlung zu spenden. Auch Sebastiäos Vater hat solch ein Haus. Drei Wochen Schiffsreise davon entfernt wächst der Junge auf. Urwald und Fluß sind sein Spielplatz, er ist vollkommen zufrieden.

Hat der Vater von den Gerüchten gehört, daß Engländer den Samen der Gummipflanze trotz der strengen Zollkontrollen aus dem Land geschmuggelt haben und nun in Asien Kautschuk produzieren wollen? Jedenfalls soll der Sohn „etwas Besseres“ werden, und so findet sich der Zehnjährige nach einer langen, verwirrenden Reise in einem Schweizer Internat in Freiburg wieder, schockiert durch Kälte – körperlich und seelisch.

Nach drei Jahren beendet der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Aufenthalt. Man kann es sich gar nicht vorstellen, während der Schweizer Jahre hatte der Junge fast nie Post bekommen. Und so trifft ihn alles unvorbereitet: Der Tod des Vaters, der Verlust der Plantage, der allgemeine Rückgang durch die Absatzschwierigkeiten für den Kautschuk, die zerfallende Stadt Manaus. Nur eines ist unverändert: Selva, der Urwald. Sebastião erlebt ihn nicht nur wie ein Indianer: Wach, immer aufmerksam, den Wald als Wohnung, Nahrungsgeber und Apotheke benutzend – er reflektiert auch wie ein Europäer über die Veränderungen. Er denkt nach über die Bosheit und Raffgier derjenigen, die den Urwald nur als einen Ort der Schätze sehen – Kautschuk, Gold, Edelsteine, Edelhölzer. Als einen Ort, dem man das Verwertbare entreißen muß und den man dann ausgeplündert zurücklassen kann, um sich neuen, mehr Geld versprechenden Ressourcen zuzuwenden. Wehe, wenn Öl gefunden wird, dann schlägt man Schneisen, die so umgepflügt sind, daß sie zur Wüste werden.

Auf die Indianerstämme wird dabei wenig Rücksicht genommen. Es kommt vor, daß man sie betrunken macht und, wenn sie dann gewalttätig werden, einfach abschlachtet. Hunderttausend Menschen sind nicht viel – wenn es denn überhaupt noch so viele sind.