Von M. Berger,

Eindeutiger denn je ging es bei der Landtagswahl in Hessen um die Bündnisfrage SPD und Grüne oder CDU und FDP. Bei der Wahl hat die SPD nun (40,2 Prozent; – 6,0 Prozentpunkte) mehr verloren als die Grünen (9,4 Prozent; + 3,5 Prozentpunkte) dazugewannen, so daß CDU (42,1 Prozent; + 2,7 Prozentpunkte) und FDP (7,8 Prozent; + 0,2 Prozentpunkte) gemeinsam einen hauchdünnen Vorsprung erreichten: Im hessischen Landtag mit seinen 110 Abgeordneten bedeutet das zwei Mandate Vorsprung für die bürgerlichen Parteien.

Die geradezu erdrutschartigen Verluste der SPD konnten durch die Gewinne der Grünen bei weitem nicht ausgeglichen werden. Der daraus folgende Machtwechsel in Wiesbaden zeigt das Dilemma der SPD: Nach links verliert die Partei an die Grünen, nach rechts und zur Mitte hin an die Bonner Regierungsparteien, vor allem an die CDU. Das programmatische Angebot der SPD deckt die bisherige Allianz innerhalb ihrer Wählerschaft zwischen traditioneller Arbeitnehmerschaft und ungebundenen neuen Mittelschichten nicht mehr genügend ab. Die Schwierigkeiten der SPD, die ungebundene Wählerschaft im neuen Mittelstand zu erreichen, werden durch die Analysen der hessischen Wahlergebnisse anschaulich belegt.

Zwar hatte die SPD im gesamten Land durchweg hohe Verluste, in den Arbeiterwohngebieten des Landes waren der Rückgang der SPD (– 5,4) und die Gewinne der Grünen (+ 3) jedoch nicht ganz so hoch wie in den Wohngebieten der Angestellten und Beamten, wo die SPD 7,6 Prozentpunkte verlor und die Grünen 4,5 Prozentpunkte hinzugewannen. In den städtischen Wohngebieten, in denen der soziale Wandel rasch voranschreitet, sind die traditionellen Bindungen zugunsten der großen Parteien systematisch geringer als in den ländlichen und mittelständisch geprägten Wohngebieten. In den Urbanen Wohngebieten ist das Potential wechselbereiter Wähler größer als anderswo, hier finden die Parteien gute Bedingungen, um anläßlich aktueller politischer Ereignisse Stimmen hinzuzugewinnen. In den städtischen Wahlkreisen betrugen die Verluste der SPD daher auch 7,8 Prozentpunkte, während die Grünen dort 4,8 Prozentpunkte und die CDU 3,6 Prozentpunkte hinzugewonnen. In den ländlichen Gebieten (– 4,8) konnte sich die SPD dagegen besser behaupten, CDU (+ 1,8) sowie Grüne (+ 2,6) gewannen hier weniger hinzu als im Land insgesamt. Die Veränderungen der FDP blieben beide Male gering: In den städtischen Gebieten verloren die Liberalen Stimmenanteile (– 0,2), in den ländlichen konnten sie 0,6 Prozent hinzugewinnen.

Die stärksten Veränderungen im Wahlverhalten geschahen in den städtischen Wahlkreisen des Rhein-Main-Gebietes, wo Verluste und Gewinne von SPD und Grünen am größten ausfielen. Je traditioneller die Strukturen in Hessen sind, um so besser konnte sich die SPD behaupten, um so geringer sind ihre Verluste an die Grünen. Die Gewinne der CDU sind dort, wo die SPD viel verliert, fast immer auch besonders hoch; die FDP kann ihr Ergebnis von 1983 weitgehend konsolidieren. Faßt man alle Gebiete außerhalb der Rhein-Main-Region zusammen, dann ist die SPD vor der CDU Mehrheitspartei und hat gemeinsam mit den Grünen eine ausreichende Mehrheit. In den Wahlkreisen des Rhein-Main-Gebietes liegt dagegen die CDU um zehn Prozentpunkte vor der SPD und hat gemeinsam mit der FDP eine komfortable Mehrheit.

Der SPD ist es demnach nur bedingt gelungen, die kritischen Wechselwähler ihres Potentials vom beabsichtigten Bündnis mit den Grünen zu überzeugen. Die SPD hat nicht sehr gut mobilisiert. Von ihrem jetzigen Wählerpotential haben nur etwa drei Viertel für sie gestimmt, während sie 1983 ihr damaliges Potential zu fast 90 Prozent ausschöpfen konnte. Der überwiegende Teil des nicht mobilisierten Potentials war vor der Wahl noch unentschieden oder wollte nicht zur Wahl gehen.

Hier war die Koalitionsfrage für viele von entscheidender Bedeutung. Die Mehrheit der zum SPD-Potential gehörenden, aber nicht erreichten Wähler wünschte eine andere als die rot-grüne Koalition. Diese Wähler waren mit der Leistung der gescheiterten Regierung und den beiden Regierungsparteien SPD und Grüne deutlich weniger zufrieden als die Wähler, die sich letztlich für die SPD entschieden haben. Sie waren nur mit Einschränkung für Hans Krollmann, und sie sahen insbesondere für die Lösung der ökonomischen Probleme weniger Kompetenz bei einer SPD-Regierung als die überzeugten SPD-Wähler.