Von Hans Schueler

"Wir Menschen alle oder fast alle lieben es, unsere Vermutungen Gewißheit zu nennen oder, wenn wir einige Wahrscheinlichkeitsgründe dafür haben, für sicher zu halten; und doch sind manche wahrscheinlichen Dinge unwahr, wie manche unwahrscheinlichen wahr."

Aurelius Augustinus (354 bis 430), Kirchenvater, an einen Richter

Es geschieht überaus selten, daß ein wegen Mordes rechtskräftig verurteilter Mensch im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wird. In den vierzig Jahren Rechtsgeschichte der Bundesrepublik gibt es nicht einmal ein Dutzend solcher Fälle. Gesetz, Gerichte und Strafverfolgungsbehörden erschweren es dem einmal Verurteilten fast bis zur Unmöglichkeit, in einem zweiten Prozeß seine Unschuld zu beweisen. Denn im Wiederaufnahmeverfahren kehrt sich – jedenfalls bis zu einer neuen Hauptverhandlung – die Beweislast um: Der Verurteilte muß, meist nach Jahren oder gar Jahrzehnten, mit Hilfe von neuen Tatsachen oder Beweismitteln erhärten, daß er die ihm zur Last gelegte Tat nicht begangen hat.

Dem heute 45jährigen Arbeiter Holger Fritz Gensmer, der seit über sechzehn Jahren eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Kindesmordes in der Hamburger Vollzugsanstalt Fuhlsbüttel verbüßt, könnte der Beweis seiner Unschuld gelingen. Die 13. Große Strafkammer beim Landgericht Hamburg hat am 26. März dieses Jahres den Antrag des Verteidigers auf Wiederaufnahme des Verfahrens für zulässig erklärt und den Gefangenen vorläufig aus der Haft entlassen. Über die dagegen erhobene Beschwerde der Staatsanwaltschaft hatte das Hanseatische Oberlandesgericht bis zum Redaktionsschluß dieser Ausgabe der ZEIT noch nicht entschieden.

I

Am 3. April 1970 kurz nach zwölf Uhr entdeckten zwei zehnjährige Jungen die Leiche eines kleinen Mädchens in einem Bach liegend, der ein Laubwäldchen am östlichen Stadtrand von Hamburg säumt. Sie meinten zunächst, es sei eine große Puppe, und verständigten deshalb die Polizei erst eine Stunde später. Die Mordkommission ermittelte rasch, daß es sich bei dem toten Mädchen um die sechsjährige Tochter Birgit des etwa 15 Minuten Fußweg vom Fundort entfernt wohnenden Polizeikollegen König handelte. Das Kind war von einem Sexualverbrecher auf grausame Art vergewaltigt, anschließend erwürgt und in den Bach geworfen worden. Zwischen der Tat und der Entdeckung der Leiche durch die Kinder konnte nur wenig mehr als eine Stunde vergangen sein: Drei Nachbarinnen, die Birgit gut kannten, hatten sie noch gegen 10.45 Uhr am Mordtag in unmittelbarer Nähe ihrer elterlichen Wohnung spielen gesehen. Eine Nachbarin, eine ältere Dame von damals 67 Jahren, wußte die Uhrzeit besonders genau: Sie sei um 10.40 Uhr aus dem Hause gegangen, um mit dem schräg gegenüber haltenden Bus, Abfahrtzeit 10.45 Uhr, zum Hallenbad im nahegelegenen Wandsbek zu fahren. Da habe sie Birgit auf der Tiefgarage nebenan beobachtet.