Den Täter freilich hatte niemand gesehen. Er muß Birgit im Wohnbereich ihrer Eltern angesprochen und sie bewogen haben, mit ihm zu gehen, durch mehrere bewohnte Straßen über eine Viertelstunde Fußweg bis zum Tatort. Dort könnte er mit seinem Opfer frühestens um elf Uhr angekommen sein, eher etwas später. Dann hätte er eine Stunde oder weniger Zeit gehabt, das Verbrechen zu begehen und den Tatort zu verlassen, ehe die beiden Jungen vorbeikamen. Die Mordkommission fand buchstäblich keine Spur, weil über den Tatort ein von Spaziergängern vielbenutzter Trampelpfad durch den Wald führte. Auch am Opfer fanden sich bei der Obduktion keine verläßlichen Hinweise auf den Täter: Blut und Wasser hatten sie weggewaschen.

So blieb den Ermittlern zunächst nur eine Chance: In der weiteren Umgebung des Tatortes bis hin ins benachbarte Schleswig-Holstein waren seit Mitte 1968 auffallend viele – unaufgeklärte – Notzuchtverbrechen begangen worden, meist von einem Radfahrer, der jungen Mädchen in der Feldflur auflauerte, sie mit einem Klappmesser bedrohte und so gefügig machte. Die Mordkommission entschloß sich deshalb sofort zu einer sogenannten "Alibi-Überprüfung" bei allen auffällig gewordenen oder vorbestraften Sexualtätern, die in der Gegend wohnten, und zur Öffentlichkeitsfahndung über Polizeilautsprecher und Presse.

Im Zuge der "Alibi-Überprüfung" wird schon einen Tag nach dem Mord auch der im benachbarten Barsbüttel bei seinen Eltern lebende Holger Fritz Gensmer vernommen. Er ist wegen versuchter Notzucht vorbestraft. Bei seiner Vernehmung gibt er an, am Vormittag des 3. April gegen elf Uhr seinen Zahnarzt in Rahlstedt aufgesucht zu haben, um sich zur Vorbereitung einer prothetischen Behandlung zwei Zähne ziehen zu lassen. Anschließend sei er zu Fuß nach Hause gegangen und habe sich auf dem Weg dorthin noch bei einem Friseur die Haare schneiden lassen. Gegen 13 Uhr sei er wieder zu Hause gewesen. Die Beamten vergewissern sich alsbald beim Zahnarzt, dessen Sprechstundenhilfe und beim Friseur über Tag und Stunde. Sie stellen fest, daß die Zahnarztpraxis etwa 3,4 Kilometer vom Tatort entfernt liegt. Die Sprechstundenhilfe kennt den Patienten genau. Sie weiß "mit Sicherheit", daß er von 11 Uhr bis 11.45 Uhr in der Praxis war. Der Friseur bestätigt Identität und Besuchszeit seines Kunden nach Gegenüberstellung mit ihm: Um 12.30 Uhr sei er gegangen. Da hatten die Jungen die Leiche schon entdeckt.

Drei Beamte der Mordkommission bestätigen daraufhin in einem schriftlichen Vermerk vom 8. April 1970: "Nach diesem Überprüfungsergebnis steht fest, daß Gensmer für die Zeit von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr am 3. 4. 1970 ein einwandfreies Alibi hat, so daß ein Tatverdacht gegen ihn in der Mordsache König nicht zu rechtfertigen ist." Ihr Vorgesetzter, der Kriminalhauptkommissar Handke, hält abschließend fest: "Die Ermittlungen haben keine Anhaltspunkte ergeben, die einen Tatverdacht gegen Gensmer rechtfertigen." – "Ablage – Beiaktensammlung – Mordsache König."

Eine saubere kriminalistische Arbeit mit überzeugendem Resultat. Freilich: Vom Tag seiner Niederschrift an verschwindet dieser Vermerk samt Abschlußbestätigung für anderthalb Jahrzehnte. Niemand weiß bis heute, wer ihn – außer den Verfassern – noch zu Gesicht bekommen hat. Der später gegen Gensmer ermittelnde Staatsanwalt vielleicht? Sicher ist nur, daß ihn keiner der drei Berufsrichter und fünf Laienbeisitzer des Schwurgerichts je gesehen hat, die Holger Gensmer am 31. März 1971 wegen Notzucht und Mordes an Birgit König zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten. Doch um den Vermerk wird es im Zuge des Wiederaufnahmeverfahrens noch ein denkwürdiges Nachspiel geben.

Holger Gensmer scheidet aber – im April 1970 – zunächst einmal aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Die Mordkommission ermittelt weiter. Noch am Tag der Entlastung Gensmers – also ebenfalls am Tag nach dem Mord – überprüft sie das Alibi eines geistesschwachen Jugendlichen, der schon wegen mehrerer im Zustand der Schuldunfähigkeit begangener Sexualdelikte aufgefallen war. Der Junge verwickelt sich in Widersprüche. Einen Tag später gesteht er den Mord an Birgit König, kurz darauf widerruft er sein Geständnis. Er wird in Haft genommen. Gleichwohl setzt die Mordkommission ihre Ermittlungen fort, "da unter Berücksichtigung des Geisteszustandes des L. eine Beurteilung der Glaubwürdigkeit seiner Darstellung über das Tatgeschehen äußerst schwierig ist". Doch die Beamten finden keine weitere Spur. Es scheint, als werde der Mord unaufgeklärt bleiben.

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