Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Zeit seines Lebens ein Literaturbesessener, grandioser Verleger, dessen Gespür für große Autoren und Innovationen ebenso legendär geworden ist wie seine amüsanten Marotten, zu denen das Purzelbaumschlagen und Gläserzerbeißen gehören – Ledig wurde im März dieses Jahres 79 Jahre alt. Auch nach seinem Rückzug aus den aktiven Verlagsarbeiten ist Literatur seine große Passion geblieben. Er lebt auf Château Lavigny in der Schweiz und betrachtet das Verlegerhäft noch immer als eine Art Roulette, sich selbst als literarische Spielratze. Freunde preisen Ledigs Vorliebe fürs Ouerschädelige; er sieht sich eher als Chaotiker. Bücher haben für ihn Magie; und schon als Kind war er diesem Zauber erlegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er den väterlichen Verlag zu einem gigantischen Buch-Imperium aus und versammelte bei Rowohlt nahezu alle großen Namen deutscher, angelsächsischer und französischer Literatur. An welche Kindheitslektüren erinnert sich dieser kreative, widerborstige, sensible Ledig, für den Bücher immer Entdeckung, Gefährten, Lebensmittel und Abenteuer geblieben sind?

Den ersten Purzelbaum seines Lebens widmete er Martha Dodd. Sie war unglücklich in Thomas Wolfe verliebt. Und Ledig rettete einen so gut wie verlorenen Abend durch Kobolzen unzähliger Purzelbäume. Vorwärts und rückwärts. Das ist fast ein halbes Jahrhundert her. Weit glanzvoller (und für größeres Publikum komponiert) war seine spätere Darbietung vor einem Verleger-Kongreß in Washington. Im roten Smoking und mit aufgesetztem Indianerstutz hielt Ledig eine Laudatio für Alfred Knopf und krönte diese Hommage mit einer Serie glanzvoller Purzelbäume vor illustrer Gesellschaft; an der Spitze: der französische Botschafter.

Längst besitzt Ledig eine Art literarisches „body-right“ auf Purzelbäume. Und darum wird es niemanden überraschen, wie sein Lieblingskinderbuch heißt: „Alice im Wunderland“.

„Du bist alt, Onkel William, das weiß alle Welt und doch kommst du kopfüber ins Zimmer geschnellt.

„In my youth, Father William replied to bis son, I feared it might injure the brain; But, now that I am perfectly sure I have none. Why, I do it again and again“.

Mit unerhörter Leichtigkeit deklamiert Ledig Verse aus Kapitel fünf, in dem die dicke Raupe (Wasserpfeife rauchend) Alice die Rezitation jenes Gedichtes abverlangt. Statt beim Zitieren die Hände zu falten (wie Alice), zieht er kräftig an seiner Monte-Christo-Zigarre. Alice sei sein Favorit unter Kinderbüchern. Auch heute noch, sagt Ledig. Breton und alle Surrealisten hätten es geliebt. Wie ein Kultbuch. Kopfstand der sogenannten Vernunft. Ein book-maniac wie Ledig – „schon als Schüler der Literatur verfallen“ – muß diese Alice lieben; denn Alices Waffe ist das Wort.

Es gab auch harmlose Lektüren. Die schöne Maria Ledig, Schauspielerin, schenkte dem Kind die Klassiker: „Hänschen im Blaubeerwald“, „Zäpfelkern“, Heys Fabeln mit Illustrationen von Otto Speckter, die „Häschenschule“, Kreidolf. Und natürlich den Struwwelpeter. „Eigentlich ein ziemlich böses Buch. Ich kann den Struwwelpeter nicht zitieren. Aber er ist mir gegenwärtig.“ Genauso gegenwärtig sind ihm die Hüter der Kindheit. „Meine Mutter trat im Leipziger Schauspielhaus auf und mußte auf Tourneen, und weil sie mich da nicht mitnehmen konnte als kleines Würstchen, wurde ich der Familie des Bühnenbeleuchters anvertraut.“ Später spielte Maria Ledig Fronttheater. „Da wurde ich der Großmutter und dem Hausmädchen überlassen. Ich bin eigentlich immer so ein bißchen rumgestoßen worden.“ Auch als Schüler. Er spricht mit großem Respekt von seinen Pflegeeltern im Internat. „Aber ich habe mich doch ein bißchen gefühlt wie der Vogel im falschen Nest. Das hat mich melancholisch gemacht. Man sagt mir heute noch nach, daß ich eine gewisse Melancholie mit mir herumschleppe.“