Einmal angenommen, Sie reisen diesen Sommer – also wie immer – wieder nach Rimini. Nach allen Erfahrungen der letzten zwölf Jahre wissen Sie, daß die Strecke in zehn Stunden und vierzehn Minuten bequem zu machen ist. Zwei routinemäßige Stopps, Sie müssen tanken, die Kinder „Pipi!“ – und dann ab in die Autobahnraststätte, lecker essen. Sie treten durch die Schwingtür ... und schrecken zurück. Überall adrette Mädchen mit Mützen, die mit geschultem Griff in Chromblitzendes fassen und binnen Sekunden einen dampfenden Hamburger aufs Tablett zaubern. Und während die auf der Seite liegende Tüte mit den Pommes langsam ins Rutschen kommt, fällt Ihnen plötzlich die kleine Nachricht aus der Zeitung wieder ein: „Neues Gastronomiekonzept für Autobahnen entwickelt.“

Schön, schön, denken Sie, während Sie mit Ihrer Familie auf den einbetonierten Hockern gemütlich Platz nehmen. Das ist es also. Warum auch nicht? Kleine Mahlzeiten sind bekömmlich, und ein antiseptisches Ambiente ist schließlich in diesen Tagen auch nicht zu verachten. Ganz zu schweigen von der Zeit, die man mit dem Einwurf von einem Hamburger spart. Sie sehen Rimini näherrücken und begreifen plötzlich: Fast Food macht die Strecken kürzer.

Doch ganz allmählich, Sie saugen gerade den letzten Rest eines störrischen Shakes durch Ihren Strohhalm, mischt sich Wehmut in das Wohlgefühl. Wo sind die Fernfahrer geblieben, die früher am Nebentisch saßen, gelegentlich Pin ups tauschten und sich immer so nett ihre Witze erzählten? Wo blieb der alte Pächter, der in den zwölf Jahren immer den Eindruck machte, als seien es ausschließlich die Gäste, die sein Glück mit Füßen traten?

Wo ist der Kellner mit dem seltsam schleppenden Gang, wo ist der Koch der alten Raststätte? Er war alles andere als ein Artist an den Töpfen, aber bekannt für seine großen Portionen. Für Tage machten sie die ganze Familie unabhängig von der Küche Riminis. Hat er einen neuen Herd gefunden, wirkt er womöglich heute als Koch in einem Speisewagen der Bundesbahn?

Wo sind sie hin, die kleinkarierten Tischdecken mit den liebevoll gestopften Löchern, die kleinen Vasen mit dem Henkel, die Lampen mit den vertrauten Trichterschirmen? Wo mag er sein, der Kiosk mit den klebrigen Süßigkeiten und den Magazinen ganz hinten im Regal?

Der Knall eines platzenden Luftballons dicht an Ihrem Ohr reißt Sie aus Ihren Spekulationen. Ihr Jüngster hat sich einen Scherz erlaubt und das Geschenk des Geschäftsführers an die Kleinen ein wenig zu weit aufgeblasen. Ein Mädchen mit bunter Mütze räumt den Tisch ab.

Tja, es ist wohl Zeit weiterzufahren.

Hanns-Bruno Kammertöns