Ein ZEIT – Gespräch mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau

Von Peter Christ und Heinz-Günter Kemmer

ZEIT: Herr Ministerpräsident, die Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen wird etwa 25 000 Leute entlassen, in den Zechen sind rund 10 000 Bergleute von Arbeitslosigkeit bedroht. Berücksichtigen wir noch, daß an diesen Arbeitsplätzen wiederum andere Arbeitsplätze hängen, so stehen im Ruhrgebiet in den nächsten zwei, drei Jahren 50 000 Jobs zur Disposition. Wird das Revier an Rhein und Ruhr zum Armenhaus der Republik?

Johannes Rau: Nein. Denn es gibt im Ruhrgebiet eine Fülle positiver Veränderungen, die noch zuwenig bekannt sind. Richtig ist aber, daß die Montan-Regionen durch die Versorgung der Bundesrepublik mit Kohle und Stahl seit Jahrzehnten eine gesamtwirtschaftliche Verantwortung wahrgenommen haben, an der sich die anderen Bundesländer und der Bund nicht beteiligen, obwohl sie davon profitiert haben. Ich nenne nur die Stichworte: Länderfinanzausgleich und die Ergänzungszuweisungen des Bundes an die Länder. Profitiert haben übrigens auch die großen Konzerne, die das Ruhrgebiet in großem Maße geprägt haben und die jetzt Verantwortung für Ersatzarbeitsplätze übernehmen müßten, dieser Verantwortung werden sie nicht oder nur zum Teil gerecht.

ZEIT: In diesem Jahr muß die von Ihnen geführte Landesregierung mit 1,5 Milliarden Mark die Steinkohle subventionieren. Seit 1966 hat Nordrhein-Westfalen nahezu vierzehn Milliarden Mark für die Kohleförderung ausgegeben. Den unrentablen Arbeitsplatz eines Bergmanns zu erhalten, kostet pro Jahr 214 000 Mark. Können Sie diesen Aufwand überhaupt verantworten, verschenken Sie damit nicht die Chance, andere Arbeitsplätze zu schaffen, die keine Subventionen brauchen?

Rau: Wir verschenken keine Chancen. Es gibt eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen und eine Infrastruktur, die wir nur wegen der Kohle nach Nordrhein-Westfalen bekommen haben. Wir wollen ja kein Land ohne Kohle und Stahl werden. Wir wollen ein Land mit Kohle und Stahl sein – nicht mehr von Kohle und Stahl. Natürlich stellt sich die Frage nach der Verantwortbarkeit der Hilfen. Ich kann sie verantworten. Ich halte sie für richtig aus Gründen der nationalen Energiesicherheit. Die Zukunft der heimischen Kohle ist eine Frage von nationaler Dimension, denn sie ist die einzige sichere heimische Energiequelle.

ZEIT: Der Bund beteiligt sich doch, er zahlt einen großen Teil der Kokskohlenbeihilfe.