Diese schrecklich rührselige Aufregung wegen der königlichen Babys: die Bettler auf den Straßen, die um Geld bitten, um „Nahrung fürs Baby“ zu kaufen – es könnten die zwanziger Jahre oder ein anderes Land sein. Es ist ganz bestimmt kein zivilisiertes Land mehr. Es ist unhöflich, immer auf den Windsors herumzureiten, armer Rüpel, denn sie konnten es sich nicht aussuchen, nutzlos geboren zu werden – und einige von ihnen scheinen ja ganz nett zu sein –, aber es ist teilweise ihre Schuld, daß England so ist, wie es ist, daß es nicht dynamisch und kraftvoll ist. Es ist nicht gesund für ein Land, solch ein Geschwür in sich zu tragen, so eine große Clique an der Spitze zu haben, deren Mitglieder nicht besonders intelligent oder attraktiv sind und die trotzdem nicht die soziale Stufenleiter runterrutschen können bis zu der Stufe, wo ihre Mittelmäßigkeit ihnen am besten stünde, nur wegen der Stellung, in der sie geboren wurden. Sie sind ein Klotz am nationalen Bein, und sie machen jede Idee von einer Leistungsgesellschaft – daß Leute durch harte Arbeit Erfolg haben und ohne sie scheitern – lächerlich und entmutigen auf diese Art zahlreiche Menschen, treiben viele Leute ins englisch-sprechende Ausland, wo die Region und nicht die Klasse den Akzent bestimmt. Eher Queen Elizabeth als King Arthur ist für die Trägheit britischer Arbeiter verantwortlich.

Die englische Autorin Julie Burchill in dem jetzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Sammelband „Über Prince / Pop / Elvis ...“

Journalistenpoesie: Entladung

Fast als letztes Feuilleton im Lande widersteht das der Frankfurter Rundschau mannhaft allen Lockungen von Zeitgeist und Postmoderne. Hier erschallen weder die alten Klänge des neuen Konservativismus noch der neue Sound der bereits alternden Jugendkultur. Hier dringt nur eine einzige, leicht morbide Musik aus den Spalten: Wenn wieder einmal die Gebeine der Frankfurter Schule trocken aneinanderklappern. So ist es sommers, winters – und im Herbst erst recht. Aber wehe, wenn der Frühling kommt! Dann braust der Metaphernsturm auch durchs Rundschau-Feuilleton, dann schmelzen alle lyrischen Wasser. „Schubert-Durchleuchtung“ heißt, irreführend karg, ein kleiner, aber machtvoller Zweispalter, in welchem der Rezensent fu. einen Klavierabend von Alfred Brendel nachbeschwört. Gegen Sigmund Freuds „zynische“ Erkenntnis, „daß im Plan der Natur Glück nicht vorgesehen sei“, tritt (auf 58 Druckzeilen) der Dreimännerbund Schubert/Brendel/fu. zum poetischen Endkampf an: „Dagegen empören sich die geradezu furchtbaren Ausbrüche, Schubertscher Dissonanzen, wie sie sich zum Beispiel in seinen späten Klavierwerken finden, eben die, mit denen uns ihr aufrichtigster Interpret, Alfred Brendel, am dritten Abend seines Schubert-Zyklus im großen Saal der alten Oper jäh überfiel. Von der Schönheit Schubertscher Melodie zog er die Maske ab. Unter ihr schwelte das gefährlichste Feuer; es erhitzte sich mit jedem Takt der in ferne Seligkeiten ausschweifenden Klavierkantilene mehr und so stark, bis wieder nächtlicher Phantasieblitz, im Brendelschen Akkordschlag von weltvernichtendem Strahl, zur reinigenden Entladung kam. Er traf den Pianisten – und durch ihn jeden Hörer – als das, was er war: Ausdruck von Verzweiflung.“ Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist die Frankfurter Rundschau, mein Kind.

Hilf-Post

Den ihm untergebenen Report-Chef Franz Alt hat der Intendant des Südwestfunks in der Bild-Zeitung davon unterrichtet, daß „die missionarische Kanzeltätigkeit aufhören und die Personalunion von Redaktionsleitung und Moderation beendet“ werde. Gegen diesen Bescheid haben sich einige sowohl des Inhalts wegen erregt (was verständlich ist), wie auch der Form wegen (was unverständlich ist). Jeder, der Rundfunkanstalten kennt, weiß, daß nichts länger unterwegs ist als die Hauspost. Wie hätte der Intendant seinen Moderator schneller unterrichten können als eben durch Bild? Hätte der Intendant, anderenfalls, die Bundespost bemüht, wie leicht hätte man ihm Verschwendung vorwerfen können: 50 Pfennig für Bild, oder 60 Prozent mehr für die Post, das will überlegt sein. Der Intendant war aber auch aus einem dritten Grund gut beraten, als er per Bild zu und gerade beim Südwestfunk vor, daß Mitteilungen und Briefe vertraulicher Natur in die Hände unbefugter oder gar illoyaler Personen und damit unversehens an die Öffentlichkeit gelangen? Dann lieber gleich frisch ins Freie gesprochen! Das macht unsere Anstalten öffentlichen Rechts erst wirklich öffentlich. Verstehen wir den Intendanten recht, wenn wir annehmen, er habe mit all dem ein geradezu brüderliches Zeichen wahrer glasnost setzen wollen?