Von Heinz-Günter Kemmer

Georg Ippers muß sich gelegentlich Gedanken machen, die über die Aufgaben eines Gewerkschafters hinausgehen und im Normalfall Unternehmersache wären. Doch das seit Mitte März 1987 für die Stahlindustrie zuständige Mitglied des Geschäftsführenden IG Metall-Vorstandes steht in den heutigen Zeiten der Stahlkrise vor der undankbaren Frage, wie die Entlassenen der Hüttenwerke eine neue Beschäftigung finden könnten. Einen besonders bitteren Beigeschmack hat sein Vorschlag, die Stahlfirmen sollten entlassene Stahlarbeiter weiterbeschäftigen, damit sie die nun überflüssigen Werke und Anlagen abreißen, in denen sie früher ihren Arbeitsplatz hatten, und um die Grundstücke einer neuen Nutzung zugänglich zu machen.

Solche Verzweiflungsideen entstehen in einer Zeit, in der sich Unternehmen und Politiker überlegen, wie die Belegschaften in der krisengeschüttelten Stahlindustrie verkleinert werden können, ohne es zur sozialen Katastrophe in einer Region wie dem Ruhrgebiet kommen zu lassen. Ein Lösungsmodell, das die bis Ende 1989 vorgesehenen Entlassungen von zwanzigtausend Stahlarbeitern sozial abfedern soll, ist die sogenannte Stahlstiftung, die die vier Hüttenkonzerne Hoesch, Mannesmann, Krupp und Thyssen tragen wollen. Doch was unter diesem Stichwort ausgebrütet wird und mit vollem Namen „Stiftung Gemeinschaftsaktion NRW“ heißt, ist für Außenstehende derzeit mehr als nebulös. So ist es kein Wunder, daß die Stahlunternehmen in dieser Stiftung eine Fortsetzung ihrer bisherigen Praxis des „sozialverträglichen“ Belegschaftsabbaus sehen. Die IG Metall hingegen wittert, die Arbeitnehmer der Hüttenbetriebe sollten „ins soziale Aus entlassen werden“. So jedenfalls formuliert es der Gewerkschafter Ippers. Was die IG Metall will, faßt er in einem Satz zusammen: „Die Konzerne fordern wir auf, ihre Kahlschlag-Konzepte zurückzunehmen und immer dann, wenn ein Beschäftigungsabbau unvermeidlich ist, für ErsatzArbeitsplätze zu sorgen.“

Dazu sehen sich die Unternehmen aber genausowenig in der Lage wie zur Fortführung der bisherigen Praxis, Entlassene mit Geld aus Sozialplänen abzufinden. Jedenfalls heißt es in einer „Absichtserklärung“ der Stifter-Unternehmen Hoesch, Mannesmann, Krupp und Thyssen: „Die neuen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen zwingen die Unterzeichner-Unternehmen .. ., ihre Sozialpläne ... sowohl hinsichtlich der Art der Regelung als auch der Höhe der Leistungen zu überprüfen.

Dabei ist unbestritten, daß die neuen Personalprobleme nicht mehr nach dem Schema gelöst werden können, das in den früheren Stahlkrisen angewandt wurde. Bisher war das probateste Mittel, die Stahlarbeiter schon mit 55 Jahren in die Rente zu schicken. Obwohl die Mitarbeiter dabei alle Möglichkeiten nutzten, aus den Kassen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung soviel wie möglich herauszuholen, mußten die Unternehmen je entlassenen Mitarbeiter etwa 60 000 Mark drauflegen, damit denen ein Einkommen in Höhe von gut neunzig Prozent ihrer bisherigen Nettobezüge gesichert wurde.

Aber selbst die 55jährigen sind mittlerweile rar geworden. So stellen die Stifter fest: „Die Möglichkeit der Frühpensionierung von über 55jährigen Mitarbeitern besteht wegen Ausschöpfung des Alterspotentials nur noch in geringem Umfang.“ In den genannten Unternehmen sind nur noch 7,4 Prozent der Beschäftigten 55 Jahre und älter.

Was passiert, wenn auf alten Gleisen weitergefahren wird, beschreiben die Unternehmen so: „Bei bloßer Fortführung der bisherigen Lösungsansätze würden aus heutiger Sicht in den nächsten Jahren ca. 6000 jüngere Arbeitnehmer entlassen werden müssen und für weitere ca. 6000 Ausgebildete keine Einstiegsarbeitsplätze zur Verfügung stehen.“ Daraus darf man freilich schließen, daß sich die Unternehmen auf andere als die bisher übliche Weise von 12 000 Mitarbeitern trennen wollen. Und damit es keinen Aufstand gibt, soll die Stiftung aus der Taufe gehoben werden.