Von Ernst Klee

München

Im April 1982 lag eine damals fast 80jährige Dame im Münchener Krankenhaus "Josephinum". Am dreizehnten bekam sie Besuch. Ihre Nichte erschien in Begleitung eines Notars.

Die beiden überredeten die Kranke, ihre Eigentumswohnung einem gewissen Pastor Terence Bysinger und sieben weiteren Herren zu übertragen. Die neuen Eigentümer gehören der Agape-Gemeinschaft an, einem eingetragenen Verein, der sich laut Satzung der "Ausbreitung des ganzen, ungekürzten, in der Bibel niedergelegten Wortes Gottes" verschrieben hat.

Was der Notar die alte Dame im Krankenbett unterschreiben ließ, hatte allerdings wenig mit Agape, der christlichen Liebe, sondern mehr mit Profit zu tun: Die betagte Frau übereignete ihre Wohnung und durfte als "Gegenleistung" wohnen bleiben. "Die Zahlung des Wohngeldes und der sonstigen öffentlichen und privaten Lasten für das Wohnungseigentum" oblag jedoch weiterhin der "Nießbrauchsberechtigten" (so der Urkundentext). Mit anderen Worten: Die Gottesmänner hatten die Wohnung – die Kosten zahlte weiterhin die ehemalige Wohnungsbesitzerin.

Es dauerte einige Zeit, bis die Überrumpelte den ungleichen Handel begriff und einen Anwalt fand, der ihre Interessen vertrat. Im September 1986 wandte sich die alte Dame ans Gericht, um die notariell beglaubigte "Enteignung" wegen Irrtums und arglistiger Täuschung anfechten zu lassen.

Die Nichte rechtfertigte den Eigentumswechsel gegenüber dem Gericht mit der Begründung, sie habe nicht mehr mitansehen können, daß ihre Tante einen Freund reichlich unterstützte, der "ein unbedeutender Kunstpinsler" sei. Die Unterstützung des Freundes sei so weit gegangen, daß sie befürchtete, die Tante werde irgendwann ihre Wohnung versteigern müssen. Außerdem habe sie, auch im Namen der Agape-Gemeinschaft, versprochen, der Tante zukünftig finanziell beizustehen.