Ein Film von Herbert Achternbusch – das war bisher immer auch ein Stück ins Häretische gewendet: Heilsgeschichte. Vom fernen Horizont wanderte Achternbusch auf schmalen Straßen nach vorne ins Bild: ein bayerischer Gralssucher auf Ochsentour. In einer Zeit, da der Sprach- und Ideologiekritik alles schon nichts mehr "bedeutete", erinnerte er uns an die großen alten Bilder. Als wir etwa am Ende des Films "Der junge Mönch" auf ein Meer blickten, wußten wir, daß es jetzt wieder Erlösung bedeutet und jeder Fels darin ein Hindernis, an dem sie scheitern könnte.

Auch dann noch, als sich der Himmel in Achternbuschs Filmen zunehmend verdunkelte, hatten seine Figuren (wie die Eisberge in "Servus Bayern") noch immer die "Ruhe von Zeugen*. Dumpfe Klagetöne hallten inzwischen über aussterbende Landschaften. Aber mächtiger als alle Katastrophen schien noch immer die Kunst. In den Fährnissen bayerischen Lebens war Achternbusch auch jetzt noch der moralische Sieger (oder zumindest ein starker Verlierer). Aber spätestens, als in den "Föhnforschern" bekannt wurde, daß Bayern eine Atombombe hat, die "Herrsching II", und die Katastrophen so überdimensional wurden, daß die alten Metaphern sie nicht mehr einholen konnten – da kollabierten die Bilder. Die Katastrophe erreichte Achternbuschs Werk.

In den "Föhnforschern" schien inzwischen selbst das Filmmaterial betroffen. In einer bläulich schimmernden Welt zogen Totendampfer wie dunkle Schatten über den Ammersee. Alles schien verfärbt, verfinstert und verstrahlt.

In Achternbuschs neuem Film "Punch Drunk" sieht man einen Maler, der in einer von ausgebleichten Baumstümpfen übersäten Katastrophenlandschaft seine Staffelei aufgestellt hat. "Man kann doch nicht so weitermalen, als ob nichts gewesen wäre", kommentiert Christel, eine Würstelbraterin, des Malers Dilemma (das Achternbusch nicht fremd sein wird).

Statt sich wie früher von fernen Horizonten langsam zu nähern, stürzt der Dichter als Schauspieler in seinem neuen Film in texanischer Cowboymontur vor der Kamera her durch München. Wie ein Fremdenführer, eine von den vielen Masken des fiktiven Staatssekretärs Dr. Herbert Riesenhuber, zieht uns der Cowboy gleich einem Haufen Touristen durch den Münchner Stadtteil Sendling. "All about is Sendling", sagt er. Und: "To be a Sendlinger means to be punch drunk", was in der Sprache der Boxer soviel heißt wie "von vielen Schlägen benommen". Stellvertretend für Achternbusch sagt der Cowboy: "Das ist meine Situation."

Es ist, als ginge Achternbusch zu Boden, als würde schon ausgezählt. Achternbusch hat zum Filmemachen kaum Geld, kann mit Förderungen nicht mehr rechnen, mußte "Punch Drunk" mit einer Super-8-Kamera und ohne Originalton in acht Tagen drehen. Und das in einer Zeit, in der Achternbusch, der Moralist, zugeben muß, angesichts der Katastrophe, die wir bewohnen, mit seiner Moral am Ende zu sein.

Selbstverständlich reagiert er moralisch: Empört schlägt er in "Punch Drunk" um sich. Dies ist ein Film, der von der Katastrophe nicht mehr erzählt, sondern ihr entspricht. Vielleicht gibt es für "Punch Drunk" nur einen einzigen Zuschauer, nicht den schlechtesten: Man könnte an den Filmemacher und Maler Vlado Kristl denken, ein Genie der Verweigerung und der (Selbst-)Zerstörung.