Von Rudolf Walter Leonhardt

Die meisten Studenten hätten an den Schulen offenbar nicht richtig Deutsch gelernt, ihr Wissen sei lückenhaft, ihre Allgemeinbildung kläglich, von Studierfähigkeit könne keine Rede mehr sein.

So klagten auf ihrer Konferenz die westdeutschen Rektoren. Das war vor fünfzehn Jahren. Die Kultusminister der Länder fühlten sich dadurch gefordert. In ihren Lübecker Beschlüssen von 1972 einigten sie sich darauf, die Oberstufe der Gymnasien zu reformieren. Und als sie ihr Werk besahen, fanden sie es gut und beschlossen einstimmig, in allen Ländern der Bundesrepublik die reformierte Oberstufe einzuführen.

Die meisten Studenten hätten an den Schulen offenbar nicht richtig Deutsch gelernt... den Text kennen wir schon, und schuld daran sei die reformierte Oberstufe. So klagen oft die gleichen Leute heute. Irgendetwas kann da doch nicht stimmen.

Besonders kurios ist es, daß die Trennlinie zwischen den Meinungen, heute deutlicher als vor fünfzehn Jahren, genau entlang den Parteigrenzen verläuft. Also gibt es wohl eine christlich-soziale Allgemeinbildung und eine sozialdemokratische. Sie auseinanderzudividieren wäre leichter, wenn man genauer wüßte, was das denn eigentlich ist: "Allgemeinbildung".

Als "gebildet" wirkt und gilt wohl noch heute, wer seine Rede mit Zitaten zu würzen weiß, eine Melodie erkennt und Antworten auf die Fragen von Kreuzworträtseln parat hat.

Wir wollen das alles keineswegs unterschätzen. Daran ließe sich vielleicht etwas ändern durch mehr Auswendiglernen (ich bin sehr dafür, weil es das Gedächtnis ungemein trainiert), durch Erweiterung der heute gewiß nicht unterentwickelten Musikliebe auf auch ein bißchen klassisches Repertoire, durch häufigeres Benutzen von Lexika und Fachbüchern. Es war ein großer Gelehrter, der die noch immer brauchbarste Definition gegeben hat: "Gebildet ist, wer weiß, wo er etwas nachschlagen muß." Schwer ist jedenfalls einzusehen, wie man "Allgemeinbildung" dadurch erreichen kann, daß man den Pflichtfächer-Kanon in der Oberstufe der Gymnasien wieder vergrößert, wie es die Reformer der Reform jetzt vorhaben.