Von Raimund Hoghe

Die Autobahn ist leer, die Sonne untergegangen. Zusammen mit einem Freund nähere ich mich, von der holländischen Seite kommend, dem niederländisch-deutschen Grenzübergang bei Goch am Niederrhein. Ein dunkelhaariger deutscher Zollbeamter nimmt die Pässe entgegen, entfernt sich vom klapprigen Kleinwagen mit dem alternativen Anstrich und kehrt bald zurück – ohne Pässe, doch mit der Aufforderung, den Wagen an der Seite zu parken und auszusteigen. "Man muß die Koffer ja nicht auf der Straße aufmachen", erklärt der Uniformierte verständnisvoll und weist uns zusammen mit seinem Zivil tragenden jungen Begleiter den Weg zum Dienstgebäude. "Da kann man sich auch hinsetzen." In der Ankündigung eines Films heißt es: "Es gibt Kreuzungen, an denen alle Wege ins Absurde führen."

Heruntergelassene Jalousien, blaßgelb gestrichene Wände, ein aufgeräumter Schreibtisch mit ordnungsgemäß plazierter Schreibmaschine, zwei pflegeleichte Tische und ein paar Stühle entlang der schmucklosen Wände. Draußen, an der Tür, ein Respekt einflößendes Schild: Vernehmungsraum. In der einen Ecke sitzen wir, in der anderen beginnt die Durchsuchung unseres Gepäcks. Koffer, Plastiktüten und nicht eingepackte Gegenstände werden auf die Tische gelegt. Der freundliche Zollbeamte mit dem schwarzen Schnauzbart interessiert sich für meinen Lieblingsschal und sucht zwischen den Maschen Verbotenes. Ohne Erfolg. Auch das sorgfältig abgetastete farbige Futter meiner Jacke ist nur aus einfacher Baumwolle und verbirgt keinen geheimnisvollen Stoff – so wenig wie die Jackentaschen, die außer benutzten Taschentüchern, einer noch auf die Winterzeit eingestellten Billiguhr und einem Schlüsselbund nichts enthalten, was eines Zöllners Herz höher schlagen lassen könnte.

"N’ abend." Ein jüngerer Beamter mit blonden Haaren betritt den Raum. Das Zollemblem auf der grünen Uniformjacke befindet sich direkt über seinem Herzen. "Was haben Sie in Holland gemacht?" will er ohne Umschweife wissen und beteiligt sich entschlossen an der Durchsuchung. Die Koffer werden geöffnet. Strümpfe, Hemden, Hosen werden von den beiden Uniformierten kritisch begutachtet. Der offensichtlich noch anzulernende Dritte im Bunde steht in roter Thermojacke und ausgewaschenen Jeans blicklos daneben. Der erfahrene Zöllner weiß jedoch seine Aufmerksamkeit zu wecken: Souverän zeigt er dem angehenden Beamten, daß eine Zahnpasta-Tube nicht nur oben, sondern auch am unteren Ende zu öffnen ist. Das Ergebnis der überraschenden Demonstration: Zahnpastaduft erfüllt den Dienstraum.

Die Untersuchung wird fortgesetzt. Die im schwarzen Halfter steckenden Pistolen der uniformierten Männer sitzen fest. Der um einen kumpelhaften Ton bemühte blonde Zöllner will es noch einmal wissen. "Wie lange waren Sie in Holland?" fragt er forsch. Stille. Vom Flur her ist ein Summen zu hören. Ein Lied summend, kommt ein weiterer Zollbeamter in den eng werdenden Vernehmungsraum und beobachtet seine fahndenden Kollegen, die nun ein braunes Medizinfläschchen mit Erkältungssaft gegen das Licht halten und den Rasierapparat vorsichtig öffnen. Wieder erfolglos. Alles ist nur, was es ist: Der Rasierapparat ist nur Rasierapparat, die Medizin nur Medizin, das Hemd nur Hemd, die Hose nur Hose.

"Ist der Wagen auf?" will der jüngere der beiden Zöllner nun wissen und seine Arbeit im Auto fortsetzen. "Ihre Sachen können Sie wieder in die Tasche packen." Der bedächtige Ältere setzt unterdessen die Untersuchung im Vernehmungsraum fort – bis auch er alles gesehen und nichts gefunden hat. Schließlich bittet er wieder nach draußen: "Kommen Sie mit zum Auto." Sein Kollege sitzt dort bereits hinter dem Lenkrad und liest mit Interesse in meinem Terminkalender. Unser Kommen beendet seine Lektüre vorzeitig. Er steigt aus und versucht zum letzten Mal sein Glück: "Sind Sie auch in Amsterdam gewesen?"

Während einige Meter weiter ein paar Mittelklassewagen ohne längeren Aufenthalt die Grenze passieren, entdeckt der aufmerksame dunkelhaarige Beamte einen im Auto liegenden Schuhkarton mit Schuhen. "Was ist da drin?" – "Schuhe." – "Haben Sie die in Holland gekauft?" will er wissen, bevor er sich dem Reservekanister widmet, ihn aus den Wagen nimmt und auf die Straße stellt. "Bitte öffnen Sie die Motorhaube", fordert sein Kollege und schraubt den Luftfilter ab und wieder an. Danach erlischt sein Tatendrang. "Ich geh’ mal eben zur Toilette", erklärt er müde und verschwindet. Der pflichtbewußte Kollege klopft die Türverkleidungen ab und guckt zum Schluß noch unter das Auto. "Sie müssen stark mit dem Rosten kämpfen", kann er danach sachkundig feststellen. Die Durchsuchungsaktion ist beendet. Angesprochen auf die Erfolglosigkeit, hebt er nur die Schultern. "Was sollen wir machen? Wir müssen kontrollieren."