Von Günter Metken

Schon vor einem Jahr und parallel zu "Wien 1880-1938" angekündigt, ist die Ausstellung Hans Hollein nun im Centre Georges Pompidou zu besichtigen, ehe sie nach Wien, Turin und in andere europäische Städte weiterzieht. Paris am Anfang – das hat etwas von einem Prüfstein, denn Hollein plant und baut nicht in Frankreich. Sein Vokabular, im Untertitel mit "Metaphern und Metamorphosen" umschrieben, kommt aus anderen Einzugsgebieten und ist hier unvertraut. Doch schon die Art, wie er es nahebringt, zur Kunstschau macht, läßt Schlüsse zu. Hollein hat die Auswahl, die sein gesamtes Schaffen umfaßt, als bildender Künstler getroffen und selbst eingerichtet. Sie fügt sich als Werk dem bisherigen hinzu. Er mußte dazu ins Forum hinunter, der versenkten, und überall einsehbaren Mitte des Wartesaals Beaubourg: ein öffentlicher Ort für das öffentliche Metier, das dieser Architekturkünstler betreibt.

Schon von oben macht die Schau auf sich aufmerksam, mit de Chiricoschen Arkaden, einem schiefen Turm aus Goldpappe und der bekannten "Turnstunde", einer Riege großer goldbronzierter Figuren an Geräten. Auch Straßenleuchten sind zu sehen. Knoll- und Memphismöbel stehen als verrückte Art-deco-Exzentrik im Raum: ein üppig gekurvtes "Marilyn"-Sofa sowie Variationen über den Freud-Diwan zu zweit: ein Teilnehmer vorwärts sitzend, der andere seitlich ausgestreckt. Aus Schmuckvitrinen glitzert es wie zu Zeiten der Wiener Werkstätte, doch ist die Ironie der Silberformen unübersehbar, wenn Türme als Tafelaufsatz erscheinen (warum nicht als Tischfeuerzeug?) und das kombinierte Kaffee-Tee-Service "Flugzeugträger" eine berühmte ikonoklastische Photomontage der Anfänge spielerisch variiert.

Maßstabsprünge gehören also ebenso zu Holleins Repertoire wie die Osmose, der Austausch zwischen den Bereichen. Es gibt keine Grenzen, alles ist Design, ist gestalt- und ausdehnbar. Selbst Architektur bedeutet Übergang, Weiterleitung ästhetischer wie kinetischer Energien im umbauten Raum; Hollein vollzieht den Barock kongenial nach. Für ihn ist urbane Landschaft etwas Modelliertes, wie sich an den Wandlungen des derzeit heiß umkämpften Haas-Hauses am .Wiener Graben nächst St. Stephan ablesen läßt.

Sicher ist es dieser Gesamtanspruch, der Baudezernenten, die klar begrenzte Portionen zu vergeben haben, kopfscheu macht (das Berliner Kulturforum ist für zwei Jahre ausgesetzt). Aber deutlich wird auch, daß Hollein am überzeugendsten mit Gesamtgestaltungen reüssiert, sei dies nun der in seiner funktionalen Eleganz unübertroffene Ausbau eines klassizistischen Palais in München für Siemens, das Leben-Tod-Environment mit dem messerscharfen Sezierwagen auf der Venedig-Biennale 1972 oder das Museum am Abteiberg in Mönchengladbach.

Für die Pariser Ausstellung wurden originale Geräte und Sitzgelegenheiten, berückend schöne Modelle, Leuchttafeln, Cibachrome, Entwürfe und Pläne aufgeboten. Nur die frühen Zeichnungen und die Kunstwerke sind in Kabinetten abgesondert; alles andere steht im Dialog miteinander.

Hollein stellt sich auch nicht chronologisch aus. Es gibt keine Reihung der Werke in zeitlicher Abfolge und schon gar keine Trennung der Sparten. Alles geht zusammen: Architektur und Design, Möbel, Mode und Schmuck, Kunst, Theater und Ausstellungen. Man kann hier ein Fortleben der Wiener Sezession sehen, welche um die Jahrhundertwende sämtliche Lebensbereiche ästhetisch durchformen wollte. Zugleich enthält diese Vielfalt ein Programm: Antworten auf die Breite heutiger Lebensäußerungen, zu denen immer mehr das Ausstellungswesen selbst gehört.