Von Alphons Schauseil

Für mich als „Korsen“ ist Nizza das Einfallstor zum Kontinent. Manchmal begrüßt mich, wenn das Fährschiff sich der Baie des Anges nähert, ein fürstliches Feuerwerk vom nahen Monaco. Oder ich schaue beim Anflug übers Cap d’Antibes aus der Propeller-Fokker den armen Reichen in die Swimmingpools. Arm, weil sie nicht wie ich auf meiner Insel in einem noch sauberen Mittelmeer planschen können. Ein milchiger Streifen, so seh’ ich aus der Luft, trennt die „côte“ immer mehr von ihrem „azur“.

Aus der Kieselstrand-Perspektive unterhalb der Promenade des Anglais fällt das kaum auf, und so hüpfen dort einpaar Mutige rund ums Jahr in die inhaltsreichen Wellen. Die meisten aber duschen bloß und pflegen auf den Steinen ihre Dauerbräune. Dem Bürgermeister Jacques Médecin, mit einer schönen Amerikanerin verheiratet und von der Durchschlagskraft eines amerikanischen Tycoons, will dieser etwas trübe Charme nicht mehr genügen. Zumindest die berühmte Promenade, den Engländern gewidmet, die hier als erste Touristen einen Saumpfad breiter traten, will er vom Autostrom mit seinen Abgaswolken befreien. Eine vorgelagerte, künstliche Lagune mit klarem Wasser und weißem Sand ist seine auf Devisen zielende Vision für die Jahrtausendwende. Ob Nizza dann noch Nizza ist?

Bisher hat der seit zwei Jahrzehnten waltende Bürgermeister seiner Stadt fast alles schmackhaft machen können. Denn Jacques Medicin ist ein Kollege. Einst durfte ich seine Berichte von den Filmfestspielen in Cannes für eine Berliner Zeitung redigieren. Heute läßt er, ein freundlicher schnauzbärtiger „big brother“, seine Ideen und Taten ferngesteuert mit mobilen Lettern an den Knotenpunkten der Stadt verkünden.

Doch Médecin ist nicht nur Futurist, sondern auch Mann der Traditionen und der Sippe. Sein Buch über „Die Küche in der Grafschaft Nizza“ hat er seinen Eltern gewidmet und einer „Tanta Mietta“. Darin findet sich nicht nur das so oft malträtierte Rezept der wahren „salade niçoise“, sondern – um nur ein anderes herauszugreifen – auch, wie man „lu spinouos aï raïn é aï pignoun“ zubereitet, was im nizzardisch-provenzalischen Dialekt soviel bedeutet wie „Spinat mit Korinthen und Pinienkernen“.

Wenn Nizza also zum Baden vorerst nur bedingt taugt, so taugt es um so mehr, um einmal zu schlemmen. Ich weiß da ein paar kleine Restaurants, wo man mir, wenn’s etwa an die mit Kräutern gefüllten Riesenmuscheln geht, ein Lätzchen umbindet. Manchmal zieht es mich zu einem Bistro an der Avenue Jean Médecin. Jean war der Vater von Jacques und vor ihm dreißig Jahre Bürgermeister.

Das Essen in der Eckkneipe, der ich heute zustrebe, reißt einen nicht gerade vom Stuhl. Aber Stühle gibt’s genug – draußen, an der Straße, rote aus Plastik. Drinnen schwarze im Jugendstil. Dazu Tische in langen und kurzen Reihen, Einzeltische und Tische auf einer Empore für den, der hier wirklich nur essen will. Stammgäste wissen, was gerade gut ist, sie bestellen die Daurade nicht gegrillt und halb verbrannt wie ich, sondern saftig à la provençale.