Für die meisten Börsianer kommt es nicht überraschend: Die Aktienkurse haben hierzulande nach der rasanten Aufholjagd erst einmal eine Verschnaufpause eingelegt. Die Notierungen kletterten immerhin seit ihrem Jahrestief vom 19. März in wenigen Tagen um beachtliche fünfzehn Prozent. Prompt besserte sich auch die Stimmung auf dem Parkett.

Hatten die ausländischen Anleger zuvor dafür gesorgt, daß die Kurven talwärts wiesen, waren sie es auch, die den deutschen Aktienmarkt aus seinem tiefen Winterschlaf wachrüttelten. Erstmals streckten japanische Anleger ihre Hände aus nach billigen Dividendenwerten made in Germany. Ihre Favoriten sind die marktbreiten Standardwerte, die auch im Ausland einen guten Namen haben. So wurden Kaufaufträge für Siemens, Deutsche Bank, Bayer und BMW erteilt. Hinter den Japanern wollten die Engländer und Amerikaner nicht zurückstehen und gingen ebenfalls wieder zu Käufen über, allerdings nicht so massiv wie im Frühjahr vergangenen Jahres, als den deutschen Börsen ein nicht mehr, erreichtes Rekordhoch beschert wurde.

Mitten in die verbesserte Stimmung hinein kam eine Reihe von günstigen Unternehmensmeldungen wie etwa von Nixdorf, dem Chemie-Multi Bayer und natürlich den Banken, die ihre Aktionäre mit höheren Dividenden oder Gratisaktien (Dresdner Bank) verwöhnen. Unterstützung erhielt das Geschehen dann auch noch von den Chart-Technikern. Zum ersten Mal seit November 1986 überstieg der deutsche Aktienindex die 90-Tage-Durchscnnittskurve und gab damit ein klares Kaufsignal.

Da wundert es nicht, daß die Bankanalysten wieder mutiger werden und gezielte Kaufempfehlungen aussprechen. So hebt beispielsweise der BHF-Trust, eine Gesellschaft der BHF-Bank-Gruppe, die Aktie von Feldmühle Nobel hervor, deren langfristiges Wachstumspotential vielfach unterschätzt werde. Vor allem von dem traditionellen Papiergeschäft versprechen sich die BHF-Experten Impulse für das im vergangenen Jahr an die Börse gebrachte Unternehmen. Die zahlreichen Strukturverbesserungen im Konzern sollten dafür sorgen, daß Feldmühle Nobel 1987 ein ähnliches Ergebnis erzielt wie im vergangenen Jahr, als 25 Mark Gewinn pro Aktie heraussprangen. Bei einem Kurs-/Gewinnverhältnis von 11,5 eignet sich das Nobel-Papier nach Ansicht der BHF-Analysten besonders als Daueranlage für vorsichtige Investoren.

Auf der Überholspur sieht das Analyseteam von First Boston, einer Tochter der Credit Suisse First Boston Ltd., den Automobilhersteller BMW fahren. Die Amerikaner setzen auf die bayerische Aktie, weil sie von den neuen Modellen in der 5er und 7er Reihe hellauf begeistert sind. Nach einem unveränderten Gewinn für dieses Jahr rechnen die in New York sitzenden Bostoner für 1988 mit einem Ertragssprung um zwanzig Prozent, da sich die neue BMW-Generation bis dahin einen größeren Marktanteil erobert haben soll.

Als Aktie des Monats stellt B.V. Financial Management in ihrer jüngsten Börsenbroschüre die Veba-Aktie vor. Der Versorgungskonzern zählt zu den umsatzstärksten deutschen Unternehmen und hat nach umfassenden Struktur- und Rationalisierungsmaßnahmen eine bemerkenswert hohe Ertragskraft erreicht. Das wurde einmal mehr im vergangenen Jahr unter Beweis gestellt, als der Gewinn erneut gesteigert werden konnte. Zwar sind die Umsätze aufgrund des rückläufigen Ölpreises sowie des schwachen Dollarkurses deutlich geschrumpft, doch erhöhte sich das ausgewiesene Ergebnis um fast ein Drittel. Da im laufenden Geschäftsjahr die Rohölnotierungen wieder anziehen, kann mit einer weiteren Ertragsverbesserung gerechnet werden. Die Analysten der B.V. Financial Management trauen Veba ein Ergebnis von 29 Mark pro Aktie zu, nach 27 Mark im vergangenen Jahr. Zudem wirft Veba eine attraktive Dividenden-Rendite von knapp sechs Prozent ab.

Ein gutes Zeugnis stellt die Westdeutsche Landesbank dem Börsen-Neuling Fresenius aus. Das in den Bereichen Pharma und Medizintechnik tätige Unternehmen konnte in den vergangenen Jahren seine Gewinne kontinuierlich nach oben schrauben. In den Produktionsstätten in Bad Homburg und St. Wendel fertigt Fresenius heute etwa 25 Millionen Flaschen mit Infusionslösungen an. Wachstumsmöglichkeiten bieten neue Produkte in den Bereichen Arzneispezialitäten, klinische Diätetik sowie Intensivmedizin und Hygiene. Um weiterhin auf dem Expansionspfad zu wandeln, werden die Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen im medizintechnischen Bereich intensiviert. Aufgrund der zukunftsorientierten Investitionen, der Marktstellung und der Produkt-Innovationen rechnen die West LB-Experten auch für 1987 mit einem günstigen Geschäftsverlauf, so daß sie Fresenius als Wachstums- und ertragsstarken Wert zur Depotbeimischung betrachten.

Ein gut bestelltes Feld sieht die Landesbank Schleswig-Holstein für die Deutsche Babcock. Den Norddeutschen gefällt es, wie sehr sich das Unternehmen auf seine Kernbereiche konzentriert. Überdies wird die Liquiditätslage als gut eingeschätzt und auf das verstärkte Engagement des Maschinenbauers im Umweltschutz verwiesen. Nachdem die Aktie der Deutschen Babcock zeitweise auf über 240 Mark geklettert war, fiel die Notiz inzwischen auf 210 Mark zurück. Von dieser Basis aus sehen die Aktienexperten der Landesbank reichliches Erholungspotential für den Maschinenbautitel. Solidus