Von Hans Harald Bräutigam

Ich kannte ihn nicht, den neben mir sitzenden, aufmerksam lauschenden Besucher einer rechtspolitischen Tagung der SPD, die vor einiger Zeit in Essen stattfand. Mein Tischnachbar war vielleicht eben über fünfzig Jahre alt, er wirkte aber jünger und lebendiger, vielleicht auch nur durch seine laute Begeisterung und den temperamentvollen Beifall für Hans Jonas. Der aus New York heimgekehrte, ehrwürdige Philosophieprofessor hatte über das Recht und die Rechte, auch die ethischen Überlegungen im Zusammenhang mit der Reproduktionsbiologie berichtet. Seine Gedanken fanden im dicht besetzten Auditorium des Essener Saalbaus Zustimmung, auch seine kritischen Anmerkungen zur Einführung der Gentechnik.

Als der Beifall verklungen war und die Zuhörer den nächsten Redner erwarteten, wandte sich mein Tischnachbar an mich. „Also“, meinte er, „das ist ja Spitze, was der Jonas da gesagt hat, man sollte doch den ganzen Kram kurzerhand einfach verbieten. Kannst Du mir bitte einen Augenblick meinen Platz freihalten? Ich muß mir noch eben meine Insulindosis spritzen. Ich bin nämlich zuckerkrank.“ Wie zum Beweis zeigte er mir eine Ampulle, die sein Insulin enthielt. Ich ’sah die Beschriftung und bemerkte, daß es sich um gentechnisch hergestelltes Humaninsulin handelte. Es wird seit kurzem von den Ärzten zur Behandlung der Zuckerkrankheit verschrieben. Mit gutem Erfolg.

Vielleicht hätte ich es nicht tun sollen, ihn nämlich darauf aufmerksam zu machen, daß er ein Medikament benutzt, das gentechnisch hergestellt wird. Ihm müsse doch dies eigentlich suspekt erscheinen. Gerade eben habe er doch noch die Gentechnik am liebsten verbieten lassen wollen. „Wieso“, fragte er etwas bestürzt, und die Begeisterung schwand aus seiner Stimme. „Wieso, wissen Sie das? Sind Sie etwa Arzt oder Wissenschaftler?“ Das vertraute Du, mit dem Sozialdemokraten ihre Parteifreunde anreden, war durch das Sie ersetzt. Ich merkte es ihm deutlich an, die nachhallende Begeisterung über den Vortrag von Jonas wich tiefer Nachdenklichkeit. Aber es gäbe keinen Grund zur Bestürzung, versicherte ich ihm, gentechnisch hergestelltes Insulin sei gut verträglich, sehr wirksam zudem. Früher wurde es aus den Bauchspeicheldrüsen von Tieren gewonnen. Jetzt gentechnisch über Coli-Bakterien, und dies sei doch nicht von Übel. Überhaupt sei die Gentechnik ja nicht in jedem Fall Teufelswerk. Jetzt und auch zukünftig sei auf Arzneimittelherstellung, auch auf die Zubereitung von Präparaten zur Krankheitserkennung ohne die Methoden der Gentechnik zu unserem Nutzen nicht mehr auszukommen. Ich hätte ihm gern noch mehr gesagt, aber er verschwand eilig mit seiner Insulinampulle.

Friedrich Nietzsche hat uns Deutsche schon einmal gewarnt: Immer nur an gestern und morgen vermöchten wir zu denken, nie an heute. Wir sind rasch bereit, allzu leicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In der Medizin und der Krankenbehandlung sind wir besonders schnell damit bei der Hand. Geburtshelfer wissen dies besonders gut.

Wir haben alle die Möglichkeiten der Technik und die damit verbundenen Versprechungen zu wörtlich genommen. Die Geburtshilfe verkam an manchen Krankenhäusern zur Geburtstechnik. Wir haben die Bereitschaft unserer Patienten, jeden technischen Fortschritt mitzumachen, oft auch mitzuerleiden, überschätzt. Jetzt sind wir verstört, weil alles, auch das Bewährte der modernen Technik, droht, über Bord geworfen zu werden.

Zum verdächtig gewordenen Fortschritt rechnen nicht wenige von uns auch die Produkte der Arzneimittelhersteller. Viele, vielleicht allzu viele der auf dem Arzneimittelmarkt angebotenen Tabletten und Dragees, Zäpfchen und Tropfen, Injektionslösungen und Salben haben eben kaum eine heilende oder wenigstens wirklich lindernde Wirkung. Sie sind unwirksam und daher überflüssig. Sie kosten viel Geld, und sie nützen deshalb nur dem Hersteller, der sie verkauft. Aber nicht weniger wichtig: Sie schaden auch nicht. Die vielen Vitaminpräparate gehören hierzu, für deren Einsatz sich nur selten eine wirkliche Begründung finden läßt, jedenfalls hierzulande. Wir nehmen auch zu viele Beruhigungsmittel, sie werden uns von den Ärzten zu oft verschrieben. Ein beruhigendes Gespräch wäre oft wirkungsvoller. Vom feuchten Halswickel, dem Prießnitz-Umschlag aus der guten alten Zeit, wird bei Halsschmerzen kaum noch Gebrauch gemacht.