Über die Bemühungen der Veranstaltungs-Verwalter, an den Bedürfnissen der Bewohner vorbei durch Anschein eine behauptete Wirklichkeit plausibel zu machen

Von Bodo Morshäuser

ONE

Die Party hat begonnen. Die Stimmung ist gut. Optimal sind die neuen Kulturträger in den Dienst des Jubiläums gestellt. Sie wissen jetzt, wie man ordnungsgemäß den Soave hält und dabei der Frau des wichtigen Mannes aus dem Mantel hilft.

An dem gilbenden Material fällt mir auf, daß wir uns im vierten Jahr des Jubiläums befinden. 1984 meldeten sich erste Interessenten und stellten ihre Konzeptionen vor; andere ihre Gegenkonzepte. Jahr für Jahr probte der Senator für kulturelle Angelegenheiten mit Unternehmen wie Berliner Sommernachtstraum den Ernstfall – nun kann er eintreten.

Der CDU-, dann CDU/FDP-Senat hatte sechs Jahre Zeit, das Jubiläum vorzubereiten. 1981 übernahm er eine Halbstadt mit 80 000 Arbeitslosen und über zweihundert besetzten Häusern. Die Häuser wurden innerhalb zweier Jahre geräumt, es wurde so geschickt integriert wie kriminalisiert, es wurde am Berlin-Image poliert. Heute gibt es 97 000 Arbeitslose, das sind über elf Prozent. Etwas hat sich verändert. An die Stelle des Stadtteilfestes trat die Stadtinszenierung. Nicht mehr die Bewohner, sondern die Besucher wurden angesprochen. Hunderttausende kamen, als der Pyromane André Heller am Reichstag nicht hielt, was er versprochen hatte. Weniger Touristen waren es vorher bei den Weltmusikfestivals, wo Namen nichts versprachen und Erwartungen erfüllt wurden. Diese Festivals gibt es hier nicht mehr.

Ungefähr fünf Jahre lang sind Strategien entwickelt worden, wie die Hülse Kulturmetropole Berlin zu füllen sei. Da West-Berlin, außer seinem Vorhandensein, keine tragende Funktion hat, mußte den Touristenzahlen zuliebe eine Ersatzfunktion her. Ein Abgeordneter der CDU, Lehmann-Brauns, Vorsitzender des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses, kam im Vorfeld der Hülsenfüllung auf Formulierungsfrüchte wie kulturelle Rückgewinnung, Kulturfrühling und Kulturvakuum. Ein Kulturvakuum sieht er dort, wo keine "kosmospolitischen Kneipen" und "extravaganten Treffs" sind, und als Beispiel führt er ausgerechnet die unberührten Flecken Lübars und Tegeler Fließ an. Was versteht Herr Lehmann-Brauns unter Kultur? "Magnetisiert ihr Umfeld, führt zu Szenenbildung, ermutigt Buchhandlungen, Kneipen, Eckläden, Cafés, Galerien .. .signalisiert Leben, Spannung, Konzentration, Extravaganzen, Vielfarbigkeit, Gegensätze, Verdichtung."