ZDF, Dienstag, 21. April, 22.10 Uhr: Das kleine Fernsehspiel: "Vom Pol zum Äquator", Stummfilm von Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi, mit Bildern von Luca Comerio

Abenteuergeschichten aus der Frühzeit des Kinos. Von einem Zug zum Beispiel, der eine europäische Gebirgslandschaft durchfährt: Felsen, Schluchten und Tannenwälder, Kurven, Brücken und Tunnels. Die Kamera fährt mit und blickt auf alles, was vorüberzieht.

Sehr abrupt wechselt die Szenerie. Plötzlich steht die Kamera vorn auf einer Zahnradbahn und suggeriert, sie bewege sich selbst in die Landschaft hinein. So wird der Raum selbst erfahrbar, direkt und unmittelbar.

Dann, erneut ohne jede Ankündigung, ein Wechsel in die Arktis. Packeis, das im Wasser treibt; ein Jäger, der einen Eisbären erschießt; Fischer, die Seelöwen und Walrösser beobachten und fangen. Die Kamera übernimmt die Beobachtungen, akzentuiert aber auch durch wechselnde Einstellungen. Manchmal öffnet sie den Sinn für die Weite, den Blick für Details – für die Körperhaltung eines schießenden Schiffskapitäns zum Beispiel oder für die grausame Behandlung eines Eisbären, der am Schiffshaken zappelt.

Später, im weiteren Verlauf des Films, führt uns die Kamera noch nach Arabien, nach Georgien, Afrika, Indien. Sie führt uns auf die Großwildjagd und in einen Zeppelin, auf eine Bergtour und auf Schauplätze des Ersten Weltkriegs.

Die meisten dieser stummen Bilder hat der italienische Kameramann Luca Comerio photographiert, ein Pionier der dokumentarischen Beobachtung. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. In größeren deutsch- und englischsprachigen Lexika sucht man seinen Namen vergebens. Fest steht nur, daß er bereits 1910 auf einer Expedition nach Uganda gedreht hat. Und daß er 1940 – ziemlich vergessen – gestorben ist.

Seine Bilder, offensichtlich entstanden in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, sprechen für sich. Wie nur ganz am Anfang üblich, als die Bilder noch zu laufen lernten, hat er das Allereinfachste als großes Abenteuer gesehen. So exotisch oft die Landschaft, die Menschen, die Tiere wirken, so sehr konzentriert Comerio sich auf das Gewöhnliche, für jedermann Offensichtliche. Er zeigt einfach, was er in der Welt vorfindet. Doch indem er es so genau zeigt, findet er Bilder jenseits von Beweis und Beleg, die – noch ganz naiv – einfach von der Lust am Schauen zeugen. Dadurch gelingen Comerio jedoch geradezu pittoreske Entdeckungen. Er zeigt die Architektur eines moslemischen Landes von einer Straßenbahn aus; den Ornamentalismus von Militärparaden; das Alltägliche, auf Zucht und Ordnung ausgerichtete Leben einer afrikanischen Missionsstation; und immer wieder, mit starren, staunenden. Blicken: die Faszination der Jagd. Unentwegt, quer durch alle Kontinente hinweg werden Tiere erlegt: Hirsche und Zebras, Flußpferde und Nashörner, Löwen und Tiger.