Ostern kommt nun, das friedliche Fest, und wieder werden die Ostermarschierer marschieren, und wieder wird man es in den Abendnachrichten sehen: die Fahnen, die Transparente, das Häuflein der Aufrechten, und wieder wird der Nachrichtensprecher die beiden grotesk voneinander abweichenden Teilnehmerzahlen nennen, die "Schätzungen" der Polizei und die "Meldungen" der Organisatoren. Man wird das sehen und denken, ja, ja, der Frieden, und das wird es dann gewesen sein.

Sollte es aber nicht, darf es aber nicht. Wieviel Zeit haben wir? Steht die symbolische Uhr der Kirchentage nicht immer noch auf drei Minuten vor Zwölf? Sind die Raketen nicht immer noch startklar, zu jeder beliebigen Sekunde? Es scheint, als wäre unsere Phantasie erschöpft. Erschöpft durch Filme wie "The Day After", durch apokalyptische Romane und Szenarios und Fernsehspiele, erschöpft durch vergangene Erregungen und Ängste und Diskussionen. In unseren Köpfen hat die Apokalypse längst stattgefunden. Wir leben ungetröstet weiter und pflanzen Stiefmütterchen auf dem Balkon.

Unterdessen aber gibt es diesen Mann in Moskau, der mit immer neuen und immer überraschenderen Abrüstungsvorschlägen nicht müde zu werden scheint, die Sache des Friedens voranzutreiben. Wir aber, gewitzt durch die Erfahrung, daß Politiker selten aufrichtiger lügen, als wenn sie vom Frieden reden, lauern auf den Augenblick, da sich Gorbatschows Angebote als Finten erweisen. Was aber hindert uns, ihn ernst zu nehmen, und zwar unabhängig davon, wie ernst er es meint? Da kündigt der Risikospieler einen Null ouvert an, und anstatt mitzuspielen, mauert das Pentagon und mauern seine Dependancen in westeuropäischen Kabinettszimmern und Zeitungsredaktionen.

Selten war der Augenblick für eine allgemeine Friedensbewegung von unten so günstig, selten so ungünstig. Einerseits wäre es gerade jetzt möglich und nötig, den Zauderern an den Verhandlungstischen einen Stoß zu geben und die Verteidigungsfanatiker als Kriegstreiber zu enttarnen. Andererseits aber gleichen gesellschaftliche Bewegungen den Eruptionen von Vulkanen: Niemand weiß, wann sie kommen, und niemand kann sie in Gang setzen. Die Friedensbewegung, die damals in Bonn 400 000 Leute auf die Beine brachte, hat ihren Schwung verloren, und die Wahlergebnisse der vergangenen Monate deuten nicht darauf hin, daß Krieg und Frieden den Menschen allzusehr auf der Seele lägen.

In seinem Buch "Humana conditio" schreibt der Soziologe Norbert Elias, die Menschheit habe selten aus Einsicht oder aus vorwegnehmender Erkenntnis gehandelt, sondern meist aufgrund von Lernprozessen im Gefolge von Fehlentscheidungen. Und er sagt: "Es ist nicht ganz unvernünftig anzunehmen, daß nach einem Kernwaffenkrieg die überlebende Menschheit, durch die bittere Erfahrung belehrt, eher geneigt sein wird, sich um die Schaffung von effektiven Institutionen zur gewaltlosen Beilegung zwischenstaatlicher Konflikte zu bemühen." Benötigen wir also den Dritten Weltkrieg zum Lernen? Manches, sagt Elias, spricht für diese Vermutung. Aber er sagt auch: Es muß nicht dahin kommen.

Es könnte nämlich auch sein, daß sich zum Beispiel die deutschen Schriftsteller, die sich 1981 in Ost-Berlin und dann in Den Haag zu Friedensbegegnungen trafen, noch einmal aufraffen und ein kräftiges Wort zum Frieden sagen; daß die deutschen Gewerkschaften einen Teil jener Energie, die sie für die Erkämpfung der 35-Stunden-Woche aufbieten, für den Frieden abzweigen; daß die deutschen Schüler und Studenten, die mehr zu fürchten haben sollten als Numerus clausus und Arbeitslosigkeit, auf die Straße gehen; und daß wir alle, unbeschadet der Stiefmütterchen auf dem Balkon, wieder lernen, politisch zu denken und zu handeln.

Einstweilen aber ist die Lage so wie in Wolf Biermanns Lied: "Still, still, das Land ist still, der Krieg genießt seinen Frieden." Einstweilen.

Ulrich Greiner