Macht das Wirtschaftswachstum nur mal Pause, oder erleben wir den Anfang eines neuen Abschwungs? Für beide Möglichkeiten gibt es sachkundige Anwälte. Drei der fünf wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute, die in jedem Frühjahr und Herbst ein gemeinsames Gutachten zur wirtschaftlichen Lage vorlegen, glauben an die Wachstumspause. Die beiden anderen Institute sehen die ökonomische Zukunft der Bundesrepublik trister.

Gemessen an dem zum Jahresbeginn auch unter den Wissenschaftlern noch dominierenden Optimismus ist der Stimmungsumschwung gravierend. Damals sagte zum Beispiel das Institut für Weltwirtschaft in Kiel für dieses Jahr ein Wachstum des Bruttosozialprodukts (der Wert aller erzeugten Güter und Dienstleistungen) von drei Prozent vorher. Das HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg und das Essener Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung lagen nur einen halben Prozentpunkt darunter. Lediglich das Münchner Ifo-Institut und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin waren vorsichtiger. Jetzt haben diese beiden Instituteihre Erwartungen noch einmal auf ein Prozent Wachstum für 1987 gedrosselt. Die optimistischeren Kollegen aus Kiel, Hamburg und Essen erwarten das Doppelte.

Selbst wenn diese freundlichere Variante Realität werden sollte, ist damit nicht bewiesen, daß die deutsche Wirtschaft die bisher üblichen Konjunkturzyklen hinter sich gelassen hat. Der Aufschwung, der 1983 begonnen hat, trägt viele Merkmale eines ganz ordinären Konjunkturzyklus. Die Initialzündung kam wie fast immer seit dem Zweiten Weltkrieg aus dem Ausland. Der Exportkonjunktur folgte ein Anstieg der Investitionen und seit vergangenem Jahr sorgen die Verbraucher mit eifriger Nachfrage für Wachstum.

In einer gravierenden Größe unterscheidet sich der gegenwärtige Konjunkturzyklus von seinen Vorgängern: Das Wachstum war, über die gesamte Zeit gesehen, deutlich schwächer als früher. Seit 1983 ist die deutsche Wirtschaft im Durchschnitt jährlich nur um rund 2,5 Prozent gewachsen. Wenn es in diesem Jahr tatsächlich nur noch um ein Prozent bergauf geht, fällt die vergleichsweise magere Durchschnittsrate noch geringer aus.

Dies müßte uns nicht weiter kümmern, denn Wirtschaftswachstum ist noch kein Wert an sich, wenn es nicht Eckpfeiler der wirtschaftspolitischen Strategie der Bundesregierung wäre. Denn mit einem langanhaltenden Aufschwung wollte die konservativ-liberale Koalition ihr wichtigstes politisches Ziel erreichen: die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Daran ist aber nicht zu denken, wenn die Wirtschaft im vierten Jahr des Aufschwungs erlahmt und im fünften nur noch um ein kärgliches Prozent wächst. Das reicht nicht, um die benötigten Arbeitsplätze zu schaffen.

Entsprechend dürftig ist die Bilanz der Bundesregierung beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Im vergangenen Jahr ist erstmals seit der Wende in Bonn die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt gesunken, und zwar um 129 000, Dieses kümmerliche Resultat eines nun vier Jahre währenden und vielbejubelten Aufschwungs ist schon wieder gefährdet. Anfang 1987 hat die Zahl der Arbeitslosen (saisonbereinigt) erstmals seit zwei Jahren wieder deutlich zugenommen; die Zahl der offenen Stellen, die seit Beginn der Wachstumsperiode kontinuierlich zugenommen hatte, geht zurück; die Zahl der Kurzarbeiter liegt Anfang dieses Jahres erheblich über dem Wert von 1986. Das vernichtende Urteil der fünf Forschungsinstitute im jüngsten Gutachten: „Gemessen an der Arbeitslosenquote kam die Bundesrepublik dem Ziel eines hohen Beschäftigungsstandes in den vergangenen vier Jahren nicht näher.“

Von der Erfolglosigkeit beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit versuchte die Bundesregierung frühzeitig abzulenken, indem sie propagandistisch sehr geschickt auf die wachsende Zahl der Arbeitsplätze hinwies. Seit dem Spätsommer 1983 bis zum Ende des vergangenen Jahres sind tatsächlich rund 600 000 neue Jobs in der Bundesrepublik entstanden, rein statistisch jedenfalls. Denn diese stolze Zahl büßt bei näherer Betrachtung einiges von ihrem Glanz ein. Sie wäre um etwa 150 000 niedriger, wenn man die gut 70 000 Stellen berücksichtigte, die durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit eingerichtet und finanziert worden sind und auch jene etwa 80 000 Jobs nicht vergäße, die durch Arbeitszeitverkürzung geschaffen worden sind und nicht auf das Konto Aufschwung gebucht werden können.