Die alte Tür öffnet sich schwer – und aus der lauten Helle der Einkaufsstraße tritt man in ein stummes, graues Dämmerlicht. Ein paar Kerzen brennen im Winkel; es riecht nach kühlem Stein, Holz, Weihrauch. Man blickt auf die Uhr, hat eigentlich überhaupt keine Zeit und bleibt doch, seltsam gebannt, für einen Moment ...

Kirchen am Wegrand mitten in der Innenstadt – sie haben eine merkwürdige Anziehungskraft. Vor allem in unseren Städten, wo sie, liebevoll restauriert, oft das einzige sind, das Krieg und Verkehr von den historischen Veduten übrigließen. So stehen sie da in ihrer ganzen unbeholfenen Schönheit, gotisch oder spätbarock, zwischen Karstadt und Allianz und dem elenden Koloß der Stadtsparkasse, und wissen nicht, was sie hier noch sollen. Nichts zu bieten, nichts zu verkaufen, keine Schnüffelpreise, keine Superzugreifhits. Nichts gibt es an ihnen zu sehen außer ein paar steinernen Figuren, Bögen, Türmchen, kein Laut dringt heraus, außer leisem, fernem Orgelrauschen manchmal, verloren im Sound aus Eddy’s Plattenbörse nebenan.

Ja, was sollen sie noch hier: St. Emmeram und St. Gereon, St. Petri und St. Olav, mitten in der Kaufwüste, umzingelt von Autokordons? Ein schüchternes Schild im Winkel: "Stilles Gebet von 11.05 Uhr bis 11.15 Uhr", ein kleiner Glaskasten mit ein paar Zettelchen, Alkoholikergesprächskreis, Lautenmusik, ein letztes Aufgebot.

Und doch haben sie eine merkwürdige Anziehungskraft. Und doch öffnen sich ihre schweren Türen ab und zu, und ein Herr mit Aktenköfferchen tritt ein oder eine Dame mit rotem Hut und schweren Plastiktüten an beiden Händen kommt heraus. Was mögen die dort suchen? Einen Augenblick der Ruhe zwischen zwei Kaufhäusern, zwischen zwei Terminen? Opfern sie, in einem plötzlichen Aufwallen kindlicher Hoffnung, kindlichen Glaubens, eine Kerze für die kranke Schwester, das Kind im Abitur? Vielleicht.

Vielleicht aber ist es auch etwas anderes. Vielleicht ist es nur der Moment des Eintretens, das Gefühl, einen Ort zu betreten, an dem, mit einem Mal, das alles, was draußen zählt, gar nichts mehr gilt. Weder Geld noch Geschäft, weder Termine noch Hier und Heute und Jetzt.

Wände und Pfeiler, die Grabsteine in den Seitenkapellen, das trübe Licht der dunkelnden Fenster – das alles spricht von einer Zeit davor und danach, jenseits der Stunden, die die Armbanduhr zeigt. Man sitzt in einer Bank und blickt in den ungeheuerlich leeren Raum und sieht auf den bunten Tafeln der Altäre die dummen und schlauen und geilen und satten und frechen Gesichter derer, die man gerade noch draußen im Kaufhof, in der Passage sah, doch schon entfernt, verfremdet von seltsamen alten Stoffen und Frisuren.

Man betrachtet in der kühlen, hohen Antoniterkirche zu Köln Barlachs schwebenden "Engel", sein hartes Gesicht mit dem Ausdruck der Untröstbarkeit, hört, wie von fern, den Kauflärm der Fußgängerzone und versteht, warum den Engel nichts mehr trösten, nichts mehr schmerzen kann. Man blickt empor in die Kuppel der Münchner Theatinerkirche und ahnt, daß es möglicherweise einen größeren Himmel gibt als den über der Kaufingerstraße. Oder man steht im Gruftgewölbe des Hamburger Michels vor dem Grab Carl Philipp Emanuel Bachs; eine Plastikblume liegt darauf, und draußen röhrte und dröhnte eben noch der Verkehr der Ost-West-Straße. Wie sonderbar das ist, wenn das, was man gerade noch sah, vielleicht immer noch hört, wie schon seit langem vergangen scheint...

Und als ob dieses Gefühl einen unheimlich und plötzlich ermüde, sucht man den Ausgang. Die Tür öffnet sich schwer, und aus der hellen, sanften Dämmerung tritt man benommen in den dunklen, lauten Tag. Benedikt Erenz