Von Andreas Kilb

Die Damen und Herren im Saal haben es sich bequem gemacht. Sie ruhen aus von ihrem anstrengenden Geschäft, ein Teil der "großen Welt" zu sein, scheint es. Aber in den hohen Positionen, die diese Herrschaften einnehmen, trägt man auch Privatheit wie einen Anzug von Armani oder ein Kleid von Dior. Die Intimität ist kalkuliert, die Ruhe ein Zustand höchster Anspannung.

Liz Taylor im Abendkleid auf einem Liegestuhl vor schattiger Gartenkulisse, lässig auf einen Pelz gestützt, ganz weißer Vamp, behängt mit Ohrringen und verblichenem Glanz, unter halbgeschlossenen Lidern der Pharaonenblick: Kleopatra im Alter, die Rolle ist ausgespielt, die Pose geblieben. Oder Liz im Bassin, bis an die Schultern im Wasser stehend, das ihr Bildnis noch schöner, reiner zurückwirft, ihr Geschmeide verdoppelt und den Papagei auf ihrer Hand; darüber ein Stuhl mit ihrem Namenszug, eine Laube, gedämpftes Licht, kühle Farben, der Abend einer Ikone. Nebenan kniet Grace Jones, nackt, die Stirn von einem Strich gelber Schminke gespalten, Ketten um Hals und Beine geschlungen, braune Haut vor grünem Hintergrund; hier posieren Jacqueline Bisset und der Tänzer Alexander Godunov, dort prüft Serge Gainsbourg kennerisch Jane Birkins Brust, und David Bowie kniet heroisch in den Klippen von Monte Carlo.

Polierte Posen, Körperphantasien, Blicke, an denen sich das Auge erkältet. Wir kennen sie aus Filmen; aber auf der Leinwand verflüchtigen sie sich, vermischen sich mit anderen Bildern, treiben weiter mit den Geschichten, die die Filme erzählen.

Helmut Newton hat die Bilder angehalten. Vor seiner Kamera erstarren die Körper, die Gesichter zum Ornament. Charlotte Rampling, die Schöne, wird auf einem Tisch serviert, in Seitenansicht, vor einem schwülstig verzierten Spiegel, der ihr Gesicht einrahmt, im kalten, barocken Mobiliar des Hotel Nord-Pinus in Arles; Hanna Schygulla liegt mit angezogenen Beinen in einem maroden Münchner Hotelzimmer, im rosa Kleid mit schwarzen Punkten, und schaut lasziv in die Kamera, vorne ist Puder verstreut, hinten im Spiegel kündigt ein Boxer-Plakat "packende Kampfbilder" an, eine Szene wie ein vergammeltes Nachbild der fünfziger Jahre, wie sie Fassbinder in seinen Filmen erfunden und empfunden hat.

Dies alles ist kunstvoll arrangiert, voll raffinierter Symmetrie, erdacht und erlesen – und kalt. Newton ist kein Menschen-, sondern ein Maskenphotograph. Seine Porträts sind Stilleben, seine Bilder totes Kino.

Zwei Einstellungen. Helmut Newton bei der Eröffnung der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum in Bonn, das auf drei Etagen einen Überblick über sein photographisches Werk gibt, von den Anfängen im Berlin der dreißiger Jahre bis zum Höhenflug der letzten beiden Jahrzehnte: ein netter, soignierter, abgeklärt wirkender älterer Herr, Typus "Amerikaner in Paris". Newton, 1920 in Berlin geboren, floh vor den Nazis nach Australien; von 1958 an wohnte er in Paris, seit 1981 lebt er in Monte Carlo. Klaus Honnef, der Festredner in Bonn und Autor des Vorworts im Katalog (Helmut Newton: "Porträts. Bilder aus Europa und Amerika". Schirmer/Mosel Verlag, München; 240 S., 179 Schwarzweiß-, 20 Farbabbildungen, 78,– DM), nennt ihn einen "Flaubert der Bildkunst". "Ein großer Künstler, der sich nicht darauf beschränkt, das Sichtbare zu zeigen, sondern er zeigt ebenfalls das, was unsere Seelen und Köpfe bewegt." Der solcherart Belobigte dankt für die These, freut sich über den Vergleich. Newton vor den Bonner Kameras: lässig.