Von Petra Kipphoff

Percy B. Shelley, der italiensüchtige englische Romantiker, sah 1819 in den Uffizien in Florenz das (damals Leonardo, später einem flämischen Künstler zugeschriebene) Bild eines Medusahauptes und schrieb ein Gedicht, das, die eher vordergründig deskriptive Qualität des Gemäldes weit hinter sich lassend, zu einem glühenden Preis der nachtseitigen, ambivalenten Schönheit wurde: "Es liegt, den Mitternachtshimmel anstarrend,/zurückgelehnt auf dem umwölkten Gipfel eines Berges;/unten sieht man die weiten Lande beben. Sein Schrecken und seine Schönheit sind göttlich./Auf seinen Lippen und Augenlidern scheint/Anmut gleich einem Schatten zu liegen; von dort strahlen aus,/feurig und düster, insgeheim miteinander im Streit,/die Qualen der Angst und des Todes..."

Mario Praz, der italienische Anglist, zitiert dieses Gedicht in seinem immer noch und wieder wunderbaren Buch "Liebe, Tod und Teufel – Die schwarze Romantik" (Florenz 1930, München 1963) zu Beginn des Kapitels "Schönheit der Medusa." Werner Hofmann, Direktor der Hamburger Kunsthalle, variierte einen Titel daraus für die diesjährige Wiener Festwochen-Ausstellung: "Zauber der Medusa."

Der Zauber der Medusa ist ein doppelter, und er ist fataler, als der lineare Begriff der Schönheit ahnen läßt. Wer Medusa, deren wunderschönes Lockenhaar von der eifersüchtigen Minerva in Schlangen verwandelt wurde, ins Antlitz schaute, der mußte zu Stein erstarren. Nur Perseus gelang es, sie zu bezwingen: Indem er ihr seinen spiegelnden Schild vorhielt, warf er den Fluch auf sie zurück, konnte ihr das versteinerte Haupt abschlagen. So steht es in Ovids "Metamorphosen".

Als ein Lieblingssujet des Manierismus’taucht das Haupt der Medusa in vielfachen Varianten in der Wiener Ausstellung auf: von Bellinis Bronzemodell eines Medusenkopfes für die Florentiner Perseus-Statue über Medusenschilder von Prunkrüstungen des 16. Jahrhunderts, Rubens’ totenbleichem "Haupt der Medusa" bis hin zu Burne-Jones* "Schreckenshaupt" (hier ist nicht nur die schreckliche, sondern bereits die ambivalente Medusa zu sehen) und Böcklins "Schild mit dem Haupt der Medusa" oder Fernand Khnopffs Zeichnung "Blut der Medusa". Die Medusa ist vom 16. bis zum 19. Jahrhundert immer präsent – um dann in der schlichten "femme fatale" eine bürgerliche Variante zu erleben und schließlich im 20. Jahrhundert von der Bildfläche zu verschwinden. Inzwischen – schließlich hat man den "Abschied vom koitalen Mann" ja auch in der ZEIT hinter sich – ist auch die "femme fatale" ein Mythos.

Die Medusa, die, so Werner Hofmann, ein "mythisches Bild für die Frag-Würdigkeit der Schönheit" ist und in der das Schöne und das Häßliche als "komplementäre Bewußtseinsinhalte" aufgehoben sind, ist aus gutem Grund ein Lieblingsmotiv des Manierismus: das Sujet des doppelgesichtigen, schlangenumzüngelten Haupts reizt ebenso wie die Möglichkeiten, auf polyvalenten Stilebenen agieren zu können. Die schwellende, wuchernde, sich dehnende "figura serpertinata" gehört schließlich zum Grundvokabular des klassischen Manierismus.

Was ist Manierismus? Ein Streitfall. Seit Vasari in seinen "Viten" von Künstlern berichtete, sie malten "alla maniera di Michelangelo", war der Begriff mit vorwurfsvoll pejorativen Vorzeichen besetzt. Und erst die Wiener Kunsthistoriker Dvořák und Riegel entdeckten in ihren Studien der zwanziger Jahre im Manierismus eine komplexere Konstitution. Daß es sich bei der Produktion von "Kunst aus Kunst" nicht um das "Nichtkönnen", sondern um das "Nichtwollen" der Künstler handele, daß die Durchbrechung des Systems nur vom System her, die Dissonanz nur als Widerspiel zur Harmonie erfolgt und daher sinnvoll gewesen sei, schrieb Riegel, der auch den hochgemuten Begriff des "Kunstwollens" prägte. Daß die "Phantasiekunst des Manierismus die psychischen Erlebnisse und Emotionen höher stelle als "die Übereinstimmung mit der sinnlichen Wahrnehmung", stellte Dvořák fest, für den im übrigen der Manierismus keine abgeschlossene Periode war, sondern "eine Bewegung, deren Anfänge bis zum Beginn des sechzehnten Jahrhunderts reichen und deren Wirkungen nie aufgehört haben." Diese zu überprüfen, scheint gerade heute besonders reizvoll zu sein: Vor der Wiener Ausstellung fing eine Arcimboldo-Retrospektive in Venedig an, im nächsten Jahr zeigt die Villa Hügel in Essen eine große Ausstellung über Rudolf II. und Prag. Die Wiener Schule perpetuiert die Wiener Schule: unter geflissentlicher Ignorierung von Gustav René Hocke, dessen kenntnisreiche und inspiriert vorgetragene Geschichte des Manierismus ("Die Welt als Labyrinth", Hamburg 1957) nicht erwähnt wird, referiert Edwin Lachnit im Katalog über die "Geschichtlichkeit des Manierismusbegriffs" und endet seinen ansonsten interessanten Aufsatz mit der Feststellung eines "Metamanierismus." Man sieht: das Thema provoziert Inspiration und Verwirrung.