Von Rolf Henkel

München, im April

Die erste Ahnung hatte der Kandidat selbst: „Viel zu früh“, sagte Christian Ude später, „schon um fünf Uhr bin ich aufgewacht und hatte ein sehr ungutes Gefühl.“ Die zweite Ahnung hatte der Oberbürgermeister. „Die Abstimmung“, bekannte Georg Kronawitter, „wird zur Zitterpartie.“ Daß Ude und Kronawitter, die ansonsten keine innige Freundschaft pflegen, dieses Mal wenigstens gemeinsam recht hatten, zeigte sich am Mittwoch der vergangenen Woche, nachmittags, kurz nach zwei Uhr. Was er sich für diesen Tag vorgenommen hatte, war Ude nicht geworden: Kreisverwaltungsreferent seiner Heimatstadt München. Und Kronawitter hatte nicht nur seine Zitterpartie erlebt: Statt des 39jährigen Sozialdemokraten Ude wird nun der CSU-Mann Hans-Peter Uhl (42) städtischer „Innenminister“. Die Münchner SPD hat wieder Hauskrach.

Vier Stimmen fehlten Ude im Stadtrat zu seiner Wahl – und die hatten ihm offenbar seine eigenen Genossen verweigert. Während bei der CSU die Sektkorken knallten und Uhl, den seine Freunde „Samtpfötchen“ nennen, von Gratulanten beinahe erdrückt wurde, saßen die Sozialdemokraten wie versteinert da. Sie hatten sich vor lauter Intrigen selbst ausgetrickst. „Hier herrscht“, stellte Fraktionssprecherin Barbara Scheuble-Schäfer noch zwei Tage später fest, „gelähmtes Erschrecken.“

Das alles zeichnete sich schon an einem März-Sonntag des Jahres 1984 ab, bei der letzten Kommunalwahl in München. Keine der beiden Volksparteien bekam damals eine Mehrheit zusammen. Je 35 Stadtratssitze fielen an die CSU und an die SPD, sechs an die Grünen und vier an die FDP. Zwei Wochen später, in der Stichwahl, setzte sich der Sozialdemokrat Georg Kronawitter gegen den CSU-Politiker Erich Kiesl, seinen Nachfolger und Vorgänger im Amte, als neuer Oberbürgermeister durch – eine Stimme zusätzlich im Stadtrat für die SPD.

Kronawitter, ein königlich-bayerischer Sozialdemokrat, der gern gegen die Linken in seiner Partei Sturm läuft, hielt sich in der Zeit danach zwar an die Fraktionsdisziplin. Gleichzeitig war er aber auch bereit, in Sach- und Personalfragen mit der CSU zu kooperieren. Das schreibt ihm sogar die Bayerische Gemeindeordnung vor, die kommunale Freund-Feind-Koalitionen nicht wünscht.

Aber als der Kreisverwaltungsreferent Peter Gauweiler als Staatssekretär des Innenministeriums ins bayerische Kabinett befördert wurde, kam der schaukelnde Oberbürgermeister nach und nach ins Schleudern. Kronawitter, der vor einiger Zeit noch in einer großen Koalition mit der CSU seinen Etat durchbrachte, setzte nun erst einmal widerwillig auf die Grünen – eine Art Demonstration von Unabhängigkeit gegenüber der CSU, zugunsten derer die SPD sowohl bei der Landtagswahl im Oktober 1986 als auch bei der Bundestagswahl im Januar alle Münchner Direktmandate verloren hatte. Aber das Spiel wurde immer komplizierter, hatte sich die CSU doch in dem selbstbewußten Notar Walter Zöller inzwischen einen Fraktionschef gewählt, der es mit den Genossen im Taktieren jederzeit aufnehmen kann. Zöller wurde denn auch bald – zumindest hinter den Kulissen – zur zentralen Figur im Postenschacher.