Von Peter Grubbe

Namibia ist das einzige größere Gebiet Afrikas, wo heute noch in Hotels und Krankenhäusern, in Geschäften und Betrieben deutsch gesprochen wird. In der früheren deutschen Kolonie Südwestafrika leben heute etwa 25 000 Deutsche – ein Viertel der hiesigen weißen Bevölkerung. Und sie spielen zumindest wirtschaftlich und kulturell eine wichtige Rolle in diesem seit 40 Jahren von Südafrika verwalteten Land.

Das von der „Interessengemeinschaft deutschsprachiger Südwester“ herausgegebene Buch „Vom Schutzgebiet bis Namibia“ gibt einen Überblick über die hundertjährige Geschichte dieses südafrikanischen Busch- und Wüstenlandes von der deutschen Besitzergreifung im Jahre 1884 bis heute, mit vielen Karten, alten Photos und Dokumenten und mit über 70 Berichten über deutsche Sängervereine und deutsche Krankenschwestern, deutsche Veterinäre und deutsche Schulen. Ein gut ausgestattetes Heimatbuch für heutige und ehemalige „Südwester“, wie sie sich nennen.

Der über 500 Seiten starke und nicht gerade billige Prachtband geht über die allgemein übliche „Traditionspflege“ solcher Werke erheblich hinaus. Und das macht das Buch auch für Nicht-Südwester interessant. Hier wird nämlich nicht nur gelobt und entschuldigt. Sondern es werden auch ganz offen deutsche Fehler, frühere wie heutige, von deutschen wie von farbigen Autoren aufgezeigt. Ferner wird das ambivalente Verhältnis der hier lebenden Deutschen zu den seit 1945 hier regierenden Buren – diese stellen inzwischen zwei Drittel der dortigen Weißen – deutlich gemacht und analysiert. Und schließlich werden die Zukunftsaussichten und -möglichkeiten des Gebietes von deutschen wie farbigen Mitarbeitern des Buches, darunter auch von führenden Männern der schwarzen Widerstandsbewegung SWAPO, diskutiert.

Manche schwarze Bewohner Namibias erwarten offenbar von den Deutschen, und das heißt konkret von der Bundesrepublik, aufgrund früherer deutscher Leistungen und Fehler und heutiger deutscher Präsenz dort, ein aktives und progressives Engagement in der politischen Auseinandersetzung über die Zukunft dieser ehemaligen deutschen Kolonie. Dies wird offen ausgesprochen. Das Fehlen eines solchen Engagements wird kritisiert. Und diese Kritik erscheint schon deshalb nicht unberechtigt, weil nach den Recherchen der Buchautoren die überwiegende Mehrheit der heute hier lebenden Deutschen im Falle der Unabhängigkeit im Lande bleiben möchte, so weit dies irgend möglich ist.

Es ist bedauerlich, daß es neben der teuren „Heimatbuchausgabe“ nicht ein Taschenbuch mit den politisch relevanten Beiträgen gibt, das diese auch solchen Bundesbürgern zugänglich macht, die keine „Südwester“ sind und daher nicht so viel Geld für ein solches Buch ausgeben möchten. Angesichts der in der Bundesrepublik weit verbreiteten Unkenntnis über dieses politisch umkämpfte und nun einmal mit einer „deutschen Vergangenheit“ behaftete Gebiet wäre dies zu begrüßen.

Vom Schutzgebiet bis Namibia 1884-1984; herausgegeben von der „Interessengemeinschaft deutschsprachiger Südwester“, Windhoek Namibia 1985; 530 S., 85,– DM, erhältlich über: Deutsche Namibia-Vereinigung, Graf-Adolf-Str. 12,4000 Düsseldorf 1