Aus großer Höhe betrachtet: ins Bild gerückt von Spezialkameras, sieht unser Land wie eine verkrebste Hautregion aus. Pusteln, Warzen, Knoten und Wülste, wohin immer man blickt. Zerstörte Felder, niedergewalzte Forste, kahlgeschorene Parklandschaften. Gärten: in künstliche Geschwülste verwandelt. Un-Kulturen aus Stahl, Beton und kugelsicherem Glas gebaut. Da sehen Strafanstalten neuester Bauart wie Reaktoren aus, Atomfestungen wie Zuchthäuser, Plutoniumhorte wie Pershingdepots. Sichtblenden, Scheinwerferbatterien, Kameraanlagen, Wachzentralen so weit das Auge reicht. Statt der Waldschneisen und Lichtungen: Warntafeln, die dem Näherkommenden annoncieren, daß er sich auf einem Gelände befinde, wo unverzüglich von der Schußwaffe Gebrauch gemacht wird.

Sollten einmal freundlichere Zeiten kommen – kein Zweifel, daß man diese höchst realen Science-fiction-Zentralen und menschenleeren Todeszonen mit dem Ausdruck baren Entsetzens anschauen wird: Das also verstanden die Regierenden unter innerer Sicherheit, damals. Da gibt’s keine Lücken zwischen Station und Station, da können sich Militärregionen nicht, durch winzige Änderungen, in zivile Bezirke verwandeln. Der römische Limes, die mittelalterlichen Burgen wirken, mit Brokdorf verglichen, wie urbane Museen. „Was ihr auch baut, es werden stets Kasernen“: Der Satz Erich Kästners, auf miefige Mannschaftsräume, triste Höfe und in Habachtstellung angetretene Fenster gemünzt, nimmt sich angesichts von Heilbronn-Waldheide und Wackersdorf beinahe idyllisch aus. Gotische Kathedralen, wilhelminische Kasernen, Betonfestungen im Zeitalter der sogenannten Postmoderne: Nein, nach einer Wertsteigerung sieht die Reihenfolge der zeitbestimmenden Bauten gerade nicht aus.

Ein Horrorgemälde? Ausgeburten panischer Angst? Mitnichten. Beschreibungen einer Alltäglichkeit, deren jeder Bürger gewahr wird, der beispielsweise an einem Sonntag das Naherholungsgebiet oberhalb des Städtchens Heilbronn umkreist. „Es wird unverzüglich von der Schußwaffe Gebrauch gemacht“: So etwas nennt sich Anno 1987 „Erholungsgebiet“. So schützt sich der Staat vor seinen Bürgern; so sieht es, fern von der idyllischen Wasserwerkkulisse des Bonner Parlaments, draußen im Lande aus.

Und trotzdem möchten die über das Land verstreuten „Hochsicherheitstrakte“ zwischen Wackersdorf und Brokdorf noch hingehen, wenn sie die Ausnahmen wären, die die Regel bestätigten, daß eben doch ein freies Volk auf freiem Grund wohnt, in der Bundesrepublik Deutschland. Aber gerade dies sind sie nicht, sondern haben, im Gegenteil, Symbolcharakter und stehen exemplarisch für ein Denken, das von Mißtrauen der Oberen geprägt ist, von Bürgerfeindlichkeit und den bis zur Tollheit gesteigerten Sicherheitskalkulationen. Überwachen, beobachten, speichern heißt die Devise, zensurieren, observieren, registrieren. Lückenlosigkeit wird gefordert, eine Ringfahndung gigantischen Ausmaßes inszeniert.

Die Folgen dieses wahnwitzigen Festungsdenkens aber werden spätestens dann sichtbar, wenn ein Beamtenanwärter bei der Anhörung gefragt wird, ob er (das stünde in seinem Dossier) etwa einmal an einem Mensastand marxistische Bücher verkauft oder an einer Demonstration gegen das Pinochet-Regime teilgenommen habe.

Folgen der Bunkergesinnung überall: im Fall des Konditormeisters Grunwald zum Beispiel, eines aufrechten Demokraten, der sich bei einer Veranstaltungsreihe des Hessischen Rundfunks, „Liebes Volk“ hieß sie, jeder, dem der Sinn danach stand, durfte von der Leber weg reden ... des Konditormeisters Grunwald also, der sich in seiner „Liebes Volk“-Ansprache entschieden gegen Alfred Dreggers ruhmredige Äußerung gewandt hatte, er, Dregger, habe in den letzten Kriegstagen noch ein kleines Dorf mit seinem Bataillon verteidigt. Gegen solcherart Verzicht auf Trauerarbeit wurde im Hessischen Rundfunk eine energische Attacke von Seiten Grunwalds geritten – mit dem Erfolg, daß die Rede des doppelt preisgekrönten und von den Hörern favorisierten Konditormeisters nicht mehr ausgestrahlt werden darf.

Ein Maulkorbskandal, der beweist, daß Wackersdorf überall ist, daß Bunkermentalität auch in öffentlich(!)rechtlichen Anstalten grassiert, daß man mehr und mehr dabei ist, über der inneren Sicherheit die allgemeine Freiheit gering einzuschätzen, und daß, wie unser Exempel, das für hundert andere steht, mit gebotener Anschaulichkeit lehrt, dem kleinen Mann draußen vor den Festungsmauern mitnichten erlaubt ist, was dem großen, der über die Festungen und die bundesrepublikanischen Mauern gebietet, sehr wohl gestattet ist: Kein Sender käme auf den Gedanken, den vom Bundeskanzler angestellten Vergleich zwischen Gorbatschow und Goebbels zu zensurieren ... zum Glück nicht.