Von Klaus Farin

Geboren zwischen 1945 und 1950“, hieß es früher in seinen Dokumenten. Nun weiß Sinasi Dikmen es exakter: Im Mai 1947 erblickte er das Licht der Welt – in einem Dorf nahe der Provinzhauptstadt Samsum. Ein Reporter des Südwestfunks hat sein Geburtsdatum nachrecherchiert. Deutsche sind so, das lernte Sinasi Dikmen schnell, als er 1972 mit hohen Erwartungen in die Bundesrepublik kam. In der Türkei hatte er fünf Jahre eine Fachoberschule für Gesundheitswesen besucht und weitere vier Jahre verbeamtet in seinem Beruf gearbeitet. In Ulm wollte er sich nun zum Fachkrankenpfleger weiterbilden. Und natürlich teilhaben am Wirtschaftswunderland Almança, über das vor allem in den ärmeren Regionen der Türkei paradiesische Vorstellungen umgingen. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht.

„Tucholsky hat einmal gesagt: ‚Ein Satiriker ist ein gekränkter Idealist‘. Ich bin kein gekränkter Idealist, sondern ein enttäuschter Liebhaber“, bekennt Sinasi Dikmen. Um die Hoffnung nicht ganz aufzugeben, schreibt er auf, was ihm hier widerfuhr und was er beobachtete. „Nachdem ich einen Text geschrieben habe, der mir gelungen erscheint, lehne ich mich zurück und lese ihn laut, und ich freue mich, daß ich den Deutschen eins ausgewischt habe. Eine Woche lang habe ich keinen Zorn mehr, ich mag die Deutschen sogar. Aber nur eine Woche.“

Da kommt einer als Fremder in die Bundesrepublik und beginnt zu schreiben – nicht ungewöhnlich, in der Fremde ist für viele ein Stück Papier zunächst der einzige Gesprächspartner. Doch Sinasi Dikmen verfaßt Satiren. Ausgerechnet in einem Land, in dem die Kunst der Satire in Kohl-Witzen kulminiert, in dem schon Tucholsky verzweifelte und Karl Valentin verhungerte. Sicherlich, auch die Deutschen lachen gerne – über andere, über Türken etwa. Aber über sich selbst? Da muß schon ein Fremder kommen, um hierzulande Satiren zu schreiben. „Weißt du, das ist gar nicht schwer“, mein Sinasi, „als Gastarbeiter in Deutschland brauchst du kein Talent, um Satiriker zu werden. Die Deutschen liefern uns genug Material. Es ist kein Zufall, daß die Juden die größte Witznation sind. Wer dreitausend Jahre im Exil lebt, braucht Witz, um zu überleben.“

Sinasi Dikmen ist mit Satire aufgewachsen, die Türkei bietet zahlreiche Vorbilder in diesem Genre, Azis Neszin etwa, um nur den Bekanntesten zu nennen, und die Satire genießt ein hohes Ansehen in der dortigen Literaturlandschaft. So hatte Dikmen schon immer ein Faible für diese Literatur, verschlang mit Begeisterung Börne und Heine, Tucholsky und den jungen Thoma. Doch zum eigenen Schreiben kam er zufällig. Der Leiter einer Volkshochschule bat ihn eines Tages, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe ein Referat über türkische Gastarbeiter zu halten: „Deutschland – ein türkisches Märchen“. Dikmen sagte zu und vergaß den Auftrag wieder, bis zu jenem Tag, an dem er ihn halten sollte. „In meiner Not schrieb ich schnell einen kurzen, eher humorvoll angelegten Text.“

Die überraschend positive Reaktion der Zuhörer motivierte ihn, fortan regelmäßig Satiren zu schreiben. Schon bald organisierte er eigene Lesungen, ein kleiner Verlag interessierte sich für seine Texte.

Dikmen ist ein feiner Beobachter mit ausgeprägtem Gespür für die kleinen Schwächen und Wunderlichkeiten nicht nur der Deutschen, sondern auch seiner eigenen Landsleute. Erika Mustermann wird ebenso mit bissigem Spott übergössen wie Ali Anatol, der preußischer sein will als der Vorsteher eines schwäbischen Finanzamtes. Deutschtümelnde Türken, „Integrierte“, sind überhaupt Dikmens Lieblings-„Opfer“ – wie jener Dr. Ihsam, der einmal ein großes Integrationsübungsfest organisierte. Natürlich geriet der Abend zum Fiasko: „Obwohl kein Türke die Einladungskarte zurückgesandt hatte, kamen viel mehr als erwartet, ignorierten frech die vorgegebene Sitzordnung, unterhielten sich lautstark selbst, statt der Rede zu lauschen, schunkelten nicht nach den Vorgaben der bayerischen Blaskapelle, sangen nicht einmal die ‚Nationalhymne‘ mit, ‚Ein Prosit, ein Prosit.. .‘ Als der Augenblick kommt, in dem die Deutschen sich übergeben hätten, schlägt ein Türke den anderen nieder.“