Verpaßt der Westen die historische Chance zur Abrüstung, die Gorbatschow ihm bietet?

Von Theo Sommer

Seit drei Jahrzehnten marschieren zu Ostern die Gegner der nuklearen Rüstung und demonstrieren für eine kernwaffenfreie Welt. Erreicht haben sie bisher nichts; die Verhältnisse waren so. Ost und West hatten mehr Angst voreinander als vor den wachsenden Atomarsenalen. Die alten Feindbilder wurden von Krise zu Krise frisch aufpoliert. Und wer konnte es dem Westen auch verdenken, daß er sich auf keinerlei Abrüstungsabenteuer einlassen wollte, solange Stalin im Kreml residierte, Chruschtschow in Berlin und Kuba mit seinen Raketen herumfuchtelte, Breschnjew im Atomharnisch in der Dritten Welt wildern ging?

Seitdem Michail Gorbatschow im Kreml herrscht, hat sich die Lage radikal verändert. Zum ersten Mal tritt dem Westen ein Sowjetführer gegenüber, an dessen ernsthaftem Willen zur Verständigung selbst eine Konservative wie Margaret Thatcher keinen Zweifel hegt. Er steht unter vielerlei Zwängen, vor allem dem Zwang zur grundlegenden Wirtschaftsreform seines riesigen Reiches. Wenn er dafür die Mittel freibekommen will, muß er Abrüstung wollen; anders wird sein großes Experiment im Ansatz steckenbleiben. Er will keinen Krieg; wer wollte ihn schon. Aber er will auch dem Wettrüsten ein Ende setzen – in der Einsicht, daß niemand sich heute Kanonen und Butter gleichzeitig leisten kann.

Doch was tut der Westen? Er stockt und bockt.

Gorbatschow versteht sich zu tiefen Einschnitten in die strategische Atomrüstung; vor zehn Jahren noch hatte der amerikanische Außenminister Vance, als er ähnliches vorzuschlagen wagte, sich den Zorn Breschnjews und Gromykos zugezogen. Ronald Reagan jedoch, versessen auf sein Sternenkriegsvorhaben, läßt das Mögliche daran scheitern, daß er die SDI-Forschung weder streichen noch zeitlich strecken will. Ja, er hat jetzt seinen Außenminister Shultz mit der ausdrücklichen Weisung in die sowjetische Hauptstadt geschickt, dort anzukündigen, daß sich Washington nur noch fünf Jahre an den ABM-Vertrag gebunden fühle, nicht mehr zehn, wie er dies noch vor sechs Monaten in Reykjavik selber vorgeschlagen hatte. Die bittere Konsequenz: Bei der Reduzierung der strategischen Waffen wird sich nichts mehr voranbewegen, solange Reagan Präsident ist.

Trost bot da bisher der Gedanke, daß vielleicht auf der Mittel-Etage der Atomwaffen ein Einstieg in die Abrüstung gefunden werden könnte: bei den euro-strategischen Arsenalen – SS-20 drüben, Pershing II und Tomahawk-Cruise Missiles hüben. Da hatten sich die Sowjets jahrelang jeglicher Abmachung verweigert. Jetzt lassen sie sich mit einem Mal auf die westliche Forderung nach einer doppelten Null-Lösung ein: null euro-strategische Waffen in Westeuropa, null euro-strategische Waffen in Osteuropa.