Es war eine faszinierende Erfahrung, als die Akademie der Wissenschaften der Svalbard-Inseln mich einlud, einige Jahre lang die Sitten und Bräuche der Bonga zu studieren, eine Zivilisation, die zwischen der Terra Incognita und den Inseln der Seligen blüht.

Die Bonga machen alles genauso wie wir, nur legen sie ein sehr eigenartiges Verhalten zur Vollständigkeit der Information an den Tag. Sie ignorieren die Kunst der stillschweigenden Voraussetzung und der Implikation.

Zum Beispiel fangen wir einfach an zu reden und benutzen dabei natürlich Wörter, aber wir müssen es nicht ausdrücklich sagen. Ein Bonga dagegen, der einem anderen Bonga etwas mitteilen will, sagt zuvor: „Paß auf, jetzt rede ich und werde Wörter benutzen.“ Wir bauen Mietshäuser und beschriften sie für die Besucher (es sei denn, wir sind Japaner) mit Hausnummern, schreiben die Namen der Mieter an die Tür und bezeichnen die Treppenaufgänge mit A und B. Die Bonga schreiben auf jedes Haus zunächst einmal „Haus“, sodann bezeichnen sie mit kleinen Schildern die Ziegelsteine, die Türklingel usw. und schreiben „Tür“ neben die Tür. Wenn wir bei einem Bonga klingeln, öffnet er die Tür mit den Worten: „Jetzt öffne ich die Tür“ und stellt sich dann vor. Wenn er uns zum Essen einlädt, bittet er uns zu Tisch, weist uns die Plätze an und sagt: „Das ist der Eßtisch, das sind die Stühle.“ Dann verkündet er stolz: „Und jetzt kommt die Köchin. Da ist sie, das ist Rosina. Rosina wird Sie jetzt fragen, was Sie zu speisen wünschen, und dann wird sie Ihnen das gewünschte Gericht an den Tisch bringen.“ Das gleiche geschieht in den Restaurants.

Kurios zu beobachten sind die Sitten und Bräuche der Bonga im Theater. Wenn das Licht im Saal ausgegangen ist, erscheint ein Schauspieler und sagt: „Jetzt fängt es an, jetzt hebt sich der Vorhang.“ Der Vorhang hebt sich, und auf der Bühne erscheinen andere Schauspieler, um beispielsweise „Hamlet“ oder den „Eingebildeten Kranken“ zu spielen. Aber zunächst wird jeder Schauspieler dem Publikum vorgestellt, erst mit seinem richtigen Namen und Vornamen, dann mit dem Namen der Figur, die er spielen soll. Hat ein Schauspieler zu Ende gesprochen, so sagt er: „Jetzt schweige ich eine Zeitlang.“ Es vergehen ein paar Sekunden, und dann beginnt der andere Schauspieler zu sprechen. Müßig zu sagen, daß am Ende jeden Aktes ein Schauspieler an die Rampe tritt und sagt: „Es folgt jetzt eine Pause.“

Frappiert hatte mich, daß ihre Singspiele und Operetten zwar genau wie bei uns aus kurzen Sprechszenen, Arien, Duetten und Balletteinlagen bestehen. Aber wir sind es gewohnt, daß zum Beispiel zwei Komödianten ihre Sprechszene spielen, dann fängt einer an, eine Arie zu singen, dann gehen beide ab, und ein Schwarm anmutiger Mädchen kommt auf die Bühne gestürmt, um ein kleines Ballett zu tanzen, damit der Zuschauer sich ein bißchen entspannen kann, dann ist das Ballett zu Ende, und die Schauspieler fangen wieder an. Bei den Bonga dagegen kündigen die beiden Schauspieler erst einmal an, daß jetzt eine komische Szene folgen wird, danach sagen sie, daß sie jetzt ein Duett singen werden, und präzisieren, daß es scherzhaft sein wird, schließlich verkündet der letzte Schauspieler auf der Bühne: „Und jetzt kommt ein Ballett.“ Am meisten überrascht hatte mich, daß während der Pause auf dem Vorhang Reklametexte erscheinen, wie es auch bei uns vorkommt, aber nachdem er die Pause angekündigt hat, sagt der Schauspieler stets:

„Und jetzt Werbung.“

Ich hatte mich lange gefragt, was die Bonga wohl zu diesem obsessiven Bedürfnis nach Präzisierung treiben mochte. Vielleicht, sagte ich mir, sind sie etwas schwer von Begriff, und wenn einer nicht sagt: „Jetzt begrüße ich dich“, kapieren sie nicht, daß sie begrüßt werden. Und teilweise muß es wohl auch so sein. Aber der wahre Grund ist ein anderer. Die Bonga leben im Kult des Spektakels, und deshalb müssen sie alles zu einem Spektakel machen, auch das Implizite.