Der Übergang vom Wirklichen zum Imaginären vollzieht sich unmerklich, da die Natur selbst träumt und der Mensch schließlich diese Träume verwirklicht“, so hat Michel Butor von einer Literatur gesprochen, die allerspätestens der nouveau roman liquidierte, dem er selbst zugerechnet wird: von der Beschreibungsliteratur des neunzehnten Jahrhunderts. Das Zitat stammt aus einem Aufsatz Butors über Jules Verne, den er als poetischen Positivisten bezeichnet. Verne habe die Geschichte des Universums neu schreiben wollen.

Vom Ende solcher poetischen Universalien handelt sein eigenes Reisebuch und von einer neuen Poesie der imaginären Reise. Wie heute der Traum und die positive Beschreibung der Welt getrennt sind, wie die Weltbeschreibung zu einer Sache des Kunsthumors und die Phantasie des Wissens zu Papier wurde, wie den Reisen das Abenteuerliche ausgetrieben wurde, das ist der Gegenstand seiner literarischen Passagen.

Der Reisende einst war Kosmologe. Seine Reisen führten an die Grenzen des Wissens seiner Zeit. Butor ist sein Epigone. Er buchstabiert sie nach, er hantiert mit Fertigteilen. Der moderne Abenteurer hat es mit einer Welt zu tun, die ein Bericht ist, mit einem Universum aus Informationen über sie.

Literatur, zumal die der Reise, ist Sekundärliteratur geworden. Der zeitgenössische Poet der Reise steckt seine Nase nicht in die Welt, sondern in Bücher. Sein Aufenthaltsort ist weder das wilde Kurdistan, noch die Eiswüste der Antarktis oder der sturmgepeitschte Ozean, sondern der Ohrensessel. Seine Expeditionen führen in die nächste Bibliothek oder ins Museum um die Ecke, allenfalls gelangt er dorthin, wo gereist wird, bis zu den Bahnhöfen, Häfen, Strömen, Brücken. Er schaut zu.

Seine Reisen sind die Aufbrüche eines Wirklichkeitsflüchtlings in Wunschgegenden, wie es die nordamerikanischen Kwakiutl-Indianer schildern: in eine Unterwasser-Utopie, wo eine friedliche Natur dem Menschen ihre Schätze anvertraut. Aber Butor betritt das Land der Indianer nicht, die innere Passage zwischen Port Hardy und Prince Rupert. Er bezieht sich auf Berichte des Ethnologen Franz Boas.

Der moderne Abenteurer lebt aus zweiter Hand. Er hat Vorlagen. Die Originale benennt er: Molières Komödienwelt, die er noch einmal kreuz und quer durch die Welt in Bewegung setzt; das Almagest des Ptolemäus; das gemalte „Universum von Maria-Helena Vieira da Silva“, einer in Paris lebenden portugiesischen Künstlerin, oder die dunklen Überlieferungen des vom Rauch seiner Erzählungen umhüllten alten Raben, der „die traurige Einbildungskraft“ des ermüdeten Autors „zum Lächeln verführt“.

Das majestätische Erzählvieh „aus den heiligen Tagen von einst“ berichtet von Messern, die sich in Felswände verwandeln, von verliebten Baumwurzeln, von der Hochzeit des Bären mit dem Wildwasser, vom „Lächeln des Froschs in den Händen des Mondes“. Die ganze Welt erscheint als magischer Zusammenhang. Der abenteuerliche Poet, heute, tritt mit ihr in Verbindung, wenn sich im Schlaf die rationalen Kontrollen des Bewußtseins lockern.